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Raum für alle

Die Innsbrucker Stadtsäle als Veranstaltungsort

Als im März 1953 der offizielle Startschuss für den Wiederaufbau der zerbombten Innsbrucker Stadtsäle fiel, konnte das Gebäude in der Universitätsstraße bereits auf eine lange Geschichte als kulturelles und gesellschaftliches Zentrum der Stadt zurückblicken.

Seit der Eröffnung des Redoutengebäudes im Jahr 1890 gingen in den Stadtsälen viele Bälle, Kongresse und Konzerte über die Bühne. Die Säle etablierten sich sehr bald als zweckmäßiger Auftrittsort für Weltstars wie den Tenor Joseph Schmidt aber auch für skurrile Kleinkünstler wie den Magier Winterri. Die Innsbrucker Messe richtete sich mit einer Jagdausstellung im Stadtsaalgebäude ein, das überdies großen Boxveranstaltungen einen Austragungsort bot. Ab 1896 fanden Sitzungen des Gemeinderates im Adlersaal statt und am 9. März 1938 schlug im Großen Stadtsaal eine historische Stunde: Der letzte Kanzler der Ersten Republik, Kurt Schuschnigg, kündigte eine Volksabstimmung für die Unabhängigkeit Österreichs an.

Auch in der NS-Zeit blieb die Bedeutung des Stadtsaales als Veranstaltungsort ungebrochen groß, bis im Dezember 1944 Bombentreffer weite Teile des Gebäudes zerstörten. Obwohl der Große Stadtsaal in der Nachkriegszeit vorerst unbenutzbar blieb, wurden angesichts der großen Raumnot bald Nachnutzungen beschlossen. Das Stadtsaal-Café wurde zum Klubheim für den Französisch-Österreichischen-Verband umfunktioniert und im Keller eröffnet 1947 das „Kleine Welttheater Innsbruck“. Verbliebene bespielbare Räume im Stadtsaalgebäude machten die notdürftige Aufrechterhaltung des Veranstaltungsbetriebes möglich. Ausstellungen, Vorträge und Lesungen wurden in den Provisorien abgehalten, boten aber keine Lösung für die akute Saalmisere.

Um diesem Missstand entgegenzutreten, wurde 1952 der Wiederaufbau der Stadtsäle beschlossen. Die damals vorliegende Planung sah vor, dass der Große Stadtsaal bis Herbst 1953 für Veranstaltungen nutzbar sein sollte. Verzögerungen der Bauarbeiten führten zu einer ungewöhnlichen „Teilnutzung“. Während in einem Teil des Gebäudes gebaut wurde, veranstaltet man gleichzeitig Kongresse, Ausstellungen und Bälle in den bespielbaren Teilen. Diese ungewöhnliche Behelfslösung wurde nötig, da es an repräsentativem Raum in Innsbruck fehlte. Prestigeträchtige Tagungen wie der Tuberkulose Kongress 1953 oder der bereits angekündigte Faschingsball 1955 sollten aber trotzdem abgehalten werden. Diese Veranstaltungen hemmten nicht nur zusätzlich den Baufortschritt, sie hatten auch zur Folge, dass das neue Gebäude bereits vor der Fertigstellung für ein breites Publikum zugänglich war. Der Presse gab dieser „halbfertige“ Zustand Anlass zu heftiger Kritik an den Verantwortlichen, Architekt Franz Baumann und Ingenieur Karl Steiner. Neben der Bauzeitverzögerung wurde vor allem die angebliche Verkleinerung der Säle moniert. Beanstandet wurde auch die Veranstaltungstechnik: Abdunkelung, Beleuchtung, Lautsprecheranlage und Beheizung seien problematisch. Kaltes Neonlicht würde den Damen bei gesellschaftlichen Anlässen „Totenblässe“ verleihen. Auch wurde das Gerücht gestreut, dass es nur eine Steckdose für die beiden Stadtsäle gäbe und daher ein Staubsaugerkabel von 50 m Länge nötig sei, um die Böden zu säubern. Angesichts solch behaupteter Mängel ließen sich Baumann und Steiner nur durch eine mediale Berichtigung von einer Klage abhalten. In mehreren Zeitungsartikeln mussten der Unterschied zwischen halbfertigen und angeblich unterlassenen Baumaßnahmen des unvollendeten Projektes klargestellt werden. Besonderer Wert wurde auf die Feststellung gelegt, dass insgesamt 21 Steckdosen vorhanden seien, von denen 20 für den Besucher nicht sichtbar installiert wurden.

Am 18. Februar 1955 wurde der Große Stadtsaal mit dem V. Symphoniekonzert unter der Leitung von Musikdirektor Kurt Rapf als Festraum für musikalische Großveranstaltungen übergeben. Die Einweihung der Stadtsaalorgel erfolgte am 20. Jänner 1956 durch Alois Forer.

Während die Innsbrucker Bevölkerung die neuen Veranstaltungsräume freudig annahm und die Stadtsäle sich rasch als Veranstaltungsraum etablierten, wurde in Fachkreisen noch lange und heftig über die Akustik diskutiert.1955 waren Schüsse aus den Stadtsälen zu hören. Nach genaueren Nachforschungen stellte sich heraus, dass Techniker des Österreichischen Rundfunks mittels Schreckschusspistole eine akustische Messung durchführte. Der Stadtsaal sollte auf seine Rundfundtauglichkeit geprüft werden. Seine Größe übertraf jene des Saales des Wiener Funkhauses und kam somit für die Radioübertragung von großen Orchestern in Frage.

Mit der Eröffnung der Kammerspiele 1959 sowie der Fertigstellung des Stadtsaal-Cafés und dem darüber liegenden Mehrzweckraum 1960 war die letzte Etappe des Stadtsaalbaues abgeschlossen. Wie sehr die Stadtsäle die Veranstaltungslandschaft prägten, zeigte sich 1964. Nach einem Konzert der Kernbuam brach am Abend des 24. Juli ein Feuer im Dachgeschoss aus. Die Säle waren bis Oktober unbespielbar. Leidtragende waren die Engel-Familie sowie die Schwarzmeerkosaken, für die rasch eine Ersatzbühne gesucht und erst im Kaiser-Leopold-Saal gefunden wurde.

Bis zur Errichtung des Kongresshauses 1973 waren die Innsbrucker Stadtsäle der wichtigste Veranstaltungsort der Stadt. Sie boten Platz für ein buntes Angebot an unterschiedlichsten Kunst- und Kulturformen: Musik, Literatur, Tanz, Kabarett, Kunst, Wissenschaft, Politik, Vereine, u.v.m.

Mit ihrem Programm schufen sie über Jahrzehnte nicht nur eine architektonische sondern auch eine geistig-künstlerische Basis für Urbanität, kulturellen Austausch und zwischenmenschlichen Kontakt für alle Bevölkerungsgruppen. Was daher immer in Erinnerung bleiben wird, sind Unterhaltung, Spaß und unvergessliche Momente, die die Innsbrucker und Tiroler Bevölkerung in den Stadtsälen erleben konnte.

 

Für das Stadtarchiv/Stadtmuseum
Mag.a Dr.in
Barbara Thaler