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Ein versteckter Erinnerungsort

Sakrale Wandmalereien in einem Innsbrucker Luftschutzkeller

Im heurigen Gedenkjahr an den Beginn des 1. Weltkrieges vergisst man oft, dass dieser die Basis für den noch schwereren 2. Weltkrieg gelegt hat. Durch den Einsatz von zerstörerischen Waffen kam es im Zweiten Weltkrieg zu wesentlich größeren baulichen Schäden, dazu kamen noch die psychische Belastung durch die Nazis und die systematische Verfolgung der Juden. Die Umsetzung eines strategischen Bombenkrieges führte schon in den späten 1930er-Jahren und besonders ab 1940 zum Einbau von Schutzräumen in öffentlichen Bauten und auch in privaten Wohnhäusern, in denen die Menschen während der Angriffe Schutz fanden. Dass sich in dieser furchtbaren Zeit da und dort auch positive Dinge entwickeln konnten, zeigt ein versteckter Erinnerungsort im Keller des Hauses Bozner Platz 4 in Innsbruck.

In Innsbruck fanden zwischen dem 15. Dezember 1943 und dem 20. April 1945 insgesamt 22 Luftangriffe statt, die große Schäden an Gebäuden und Kunstdenkmälern, aber auch große Wunden in den Seelen der Menschen verursacht haben. Zum strategisch wichtigsten Angriffspunkt zählte der Bahnhof, weshalb die Gebäude in Bahnhofsnähe besonders gefährdet waren. Bereits beim 1. Luftangriff wurde das Haus Bozner Platz 4 stark beschädigt. Im Luftschutzkeller dieses Hauses erlebte Prof. Dr. med. Friedbert Scharfetter im Alter von sieben Jahren den Angriff gemeinsam mit seiner Mutter und seinen damals zwei Geschwistern.

 

Die Besonderheit ist, dass sich dieser Luftschutzkeller trotz späterer Teilung bis heute erhalten hat. Er besteht aus einem Vorraum und dem eigentlichen Schutzraum. Der Bunkerbereich zeigt heute noch seine ursprüngliche Anlage und Ausstattung mit von Ost nach West verlaufenden verputzten Stahlunterzügen als Trümmerschutz, Abort- und Schutzraumtüren, Notausstieg, Luftschutzgittern und -klappen an den Fenstern.

Grundrissplan des Luftschutzkellers mit von Süden erschlossenem Vorraum und östlich daran anschließendem eigentlichem Schutzraum.
Grundrissplan des Luftschutzkellers mit von Süden erschlossenem Vorraum und östlich daran anschließendem eigentlichem Schutzraum.

Seine Einzigartigkeit erhält der Luftschutzkeller jedoch durch die Ausmalung des Vorraums, mit der sich Friedbert Scharfetter zehn Jahre nach dem Bombenangriff einen persönlichen Erinnerungsort geschaffen hat. Diese Singularität bezieht sich sowohl auf die Ausgestaltung an sich, als auch auf den Inhalt der Bildwerke.

 

Dieser Wandausstattung liegt ein komplexes religiöses Programm zugrunde. Die Bildwerke fügen sich in das vorhandene Raumgefüge ein, wodurch ein kapellenartiger Charakter entsteht. Der Eingangsbereich im Süden wird durch die natürliche Bogenleibung und das Türgewände zur sakralen Hauptwand bildhaft gestaltet durch die Kreuzigung Christi. Symbolhaft sind die vier Paradiesflüsse, die Evangelistensymbole, die Heilige Dreifaltigkeit und die Jakobsleiter in der Bogenleibung eingefügt. Das erste Menschenpaar im Paradies bildet das räumliche Gegenüber an der Nordwand. Dem Mysterium der Auferstehung an der Westwand stehen symbolhafte Darstellungen an der Ostwand gegenüber. An der Decke versammelt sich die Familie des Künstlers unter der schützenden Hand Gottes, die Bedrohung des Krieges in Form einer wilden Jagd wird von den himmlischen Heerscharen abgewehrt.

 

Die Inhalte der Bilder, die mit historischen Ereignissen sowie individuellen Empfindungen und Erlebnissen verknüpft sind, erinnern an die ältere Votivmalerei, die hier nicht als Tafelbild sondern als Wandschmuck ausgeführt ist. Votivanlass ist der Bombenkrieg über Innsbruck. In Komposition und Ausführung orientiert sich der Künstler an seinem Vorbild Max Weiler, den er im Figurentypus, in der Gestaltung der Pflanzen, der Berge oder auch in charakteristischen Motiven nachahmt. Daneben verwendet der Künstler auch eigene Motive, die er beispielsweise 1958 bei seiner ersten Reise nach Italien kennengelernt hat.

Der Künstler Prof. Dr. med. Friedbert Scharfetter ist mit dem Luftschutzkeller sowohl als Zeitzeuge des Bombenkrieges als auch als Schöpfer der Wandbilder verbunden. Friedbert Scharfetter (Jahrgang 1936) wurde im Haus Bozner Platz 4 geboren, erlebte dort seine frühe Kindheit und auch den ersten Bombenangriff über Innsbruck. 1947 kehrte er nach der Beseitigung der Kriegsschäden wieder in das Haus zurück und besuchte das Akademische Gymnasium in Innsbruck. Schon früh begann er sich für die bildende Kunst zu interessieren, in den späten Gymnasialjahren hatte er Kontakt zu Franz Staud, Max Weiler, Richard Kurt Fischer und Oskar Kokoschka. Mit seinem ersten eigenständigen Werk aus dieser Zeit, einem im Jahre 1954 geschnitzten Kruzifixus, erregte Scharfetter am Jugendkulturwettbewerb 1958 Aufsehen. Seine erste Versuchswand im ehemaligen Kohlenkeller des Hauses Bozner Platz 4 hat sich nicht mehr erhalten, die Ausmalung im Vorraum des Luftschutzkellers, die er zwischen 1953 und 1958 in Erinnerung an seine Kriegserlebnisse schuf, blieb somit seine einzige Wandausstattung. Sie zeigt einerseits die künstlerische Begabung Scharfetters, andererseits aber auch den hohen geistigen Anspruch des damals 18- bis 22-Jährigen. Friedbert Scharfetter ist trotz künstlerischer Begabung letztendlich dem Ruf der Medizin gefolgt. Sein versteckter Erinnerungsort, der als singuläres Zeugnis für die Ausgestaltung eines Luftschutzkellers die Stadt Innsbruck sowohl historisch als auch aus kunsthistorischer Sicht bereichert, wird hoffentlich zukünftig als Denkmal Beachtung finden und in seiner ursprünglichen Bedeutung erhalten bleiben.

 

Dr. Michaela Frick

 

Der Beitrag ist in ungekürzter Fassung in der Veröffentlichungsreihe des Stadtarchivs Innsbruck Zeit – Raum – Innsbruck, Bd. 13, erschienen und im Stadtarchiv Innsbruck, im Universitätsverlag Wagner sowie im freien Buchhandel erhältlich.