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Weihnachten 1917. Gruppenfoto mit Kriegsverletzten und Pflegepersonal vor dem Christbaum im Reservespital in der Müllerstraße 38.
Weihnachten 1917. Gruppenfoto mit Kriegsverletzten und Pflegepersonal vor dem Christbaum im Reservespital in der Müllerstraße 38.

Kriegsweihnachten in Innsbrucker Spitälern

Vor knapp einhundert Jahren feierten Tausende verwundete und kranke Soldaten das Weihnachtsfest in Innsbruck.

Aus dem Stadtarchiv von Mag. Joachim Bürgschwentner

Weihnachten sind wir wieder zu Hause“ ist wohl eine der bekanntesten Parolen aus dem Spätsommer 1914, als jubelnde Menschen durch die Innsbrucker Straßen zogen. Die anfängliche, vor allem in Städten weitverbreitete Begeisterung war rasch vorüber, als wenige Wochen später die ersten Transporte mit Verwundeten eintrafen. Nach offiziellen Angaben verzeichnete die k. u. k. Armee bis Jahresende 1914 rund 767.600 Verwundete und Kranke, in den Folgejahren waren es jeweils etwas ein bis 1,3 Millionen. Weil das militärische Sanitätswesen der Habsburgermonarchie auf die Erfordernisse des Ersten Weltkriegs völlig unzureichend vorbereitet war, musste überall improvisiert werden.

Die Lehrerbildungsanstalt (heute BORG) in der Fallmerayerstraße diente während des Ersten Weltkriegs als Reservespital des Roten Kreuzes.
Die Lehrerbildungsanstalt (heute BORG) in der Fallmerayerstraße diente während des Ersten Weltkriegs als Reservespital des Roten Kreuzes.

Improvisation in Innsbruck

Sehr bald stieß das 1908 bis 1911 errichtete Garnisonsspital in Pradl an seine Kapazitätsgrenzen und brachte deshalb Patienten im Sieberer’schen Waisenhaus und in zahlreichen Schulen unter, etwa in der Gilmstraße und der Sillgasse. Auch im städtischen Spital und im Landeskrankenhaus wurden mehr und mehr verwundete und kranke Soldaten untergebracht. Immer neue Reservespitäler und danach Not-Reservespitäler mussten organisiert werden, welche entweder vom Militär oder vom Roten Kreuz geführt wurden: Im Canisianum und in der Handelsakademie im Saggen. Im Haus der Studentenverbindung „Austria“ und in der gerade erst fertiggestellten Universitätsbibliothek am Innrain. In namhaften Hotels wie dem Grauen Bär, der Sonne und dem Europa. In den Klöstern der Serviten, Jesuiten, Prämonstratenser und Benediktiner sowie im Sanatorium und Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern. In eigens errichteten Barackenlagern in Pradl, der Reichenau und am Innrain. Überall in Innsbruck und Umgebung, von der Reichenau bis Wilten, von Hötting bis Igls, waren Lazarette und Verwundete ein alltäglicher Anblick.

Weihnachtswettstreit
Die Versorgung der tausenden Patienten war in hohem Maß auf Freiwilligenarbeit sowie auf Geld- und Sachspenden aus der Bevölkerung angewiesen. Im Advent und zu Weihnachten erhielten und erhalten Hilfsbedürftige besondere Aufmerksamkeit – im Ersten Weltkrieg vor allem jene, die am offensichtlichsten vom Krieg betroffen waren: Witwen, Waisen, Frontsoldaten, Kriegsgefangene und eben Verwundete. Die Weihnachtsfeiern, die zwischen 1914 und 1917 für die – aus allen Teilen der Monarchie und aus dem verbündeten Deutschland stammenden – Patienten organisiert wurden, brachten eine umfassende, stets positiv gefärbte Berichterstattung mit sich. „In außerordentlich anerkennenswerter Weise findet in Innsbruck ein wahrer Wettstreit zwischen verschiedenen Gesellschaften statt, um den verwundeten und kranken Kriegern, die noch unter den Folgen der Kämpfe zu leiden haben, möglichst das Gefühl des Verlassenseins zu nehmen und ihnen wenigstens eine kleine Freude zu bereiten,“ befanden die Innsbrucker Nachrichten am 24. Dezember 1914.

Blick in ein Reservespital im Turnsaal einer Innsbrucker Schule.
Blick in ein Reservespital im Turnsaal einer Innsbrucker Schule.

Liebesgaben unterm Baum

Medizinisches und Pflegepersonal, leitende Militärs und Unterstützer aus der Bevölkerung feierten mit den Patienten. Die Presse bedachte die Anwesenden mit lobenden Eigenschaften und sprach von „fleißigen Herren Doktoren“ und liebevollen, aufopferungswürdigen Schwestern, von edlen Spendern, hochherzigen Wohltätern und reizenden Engeln, von braven Kämpfern und wackeren Soldaten. Die Spitäler waren mit Christbäumen geschmückt, man saß und aß gemütlich und sang „Stille Nacht, Heilige Nacht“. Und es gab eine Bescherung für die Verwundeten. Meist teilten Frauen und Mädchen die Geschenke, sogenannte „Liebesgaben“, aus: Obst, Gebäck, Gebrauchsgegenstände und vor allem Tabak. Als der Mangel immer größer wurde, mussten 1916 im Soldatenheim in der Richard-Wagner-Straße die Geschenke durch eine Verlosung verteilt werden. 

Ein Hoch auf den Kaiser

Trotz dieser typisch weihnachtlichen Elemente war das Programm insgesamt aber weniger religiös-besinnlich sondern eher weltlich-unterhaltsam und patriotisch-bewegend. Es umfasste Opernstücke, Märsche und Soldatenlieder, Theaterstücke und Schwänke sowie diverse Reden. Der offizielle Teil der Kriegsweihnachtsfeiern endete sehr oft so, wie am 22. Dezember 1914 im Hotel Tiroler Hof: Dort hielt der Optiker Hauber „eine von patriotischem Geiste getragene Ansprache“ und „schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf Kaiser Franz Josef und Kaiser Wilhelm, worauf von allen Anwesenden die Volkshymne gesungen wurde“.

Das 1908 bis 1911 errichtete Garnisonsspital mit Baracken und der Militärfriedhof in Pradl.
Das 1908 bis 1911 errichtete Garnisonsspital mit Baracken und der Militärfriedhof in Pradl.

Für die innere Einheit

Diese Feiern waren, wie die Kriegsfürsorgeaktivitäten insgesamt, keine rein karitativen Angelegenheiten, sondern erfüllten einen mobilisierenden Zweck im Dienste des Krieges: Sie stellten eine emotionale Verbindung zwischen Soldaten und Zivilisten, zwischen Front und sogenannter Heimatfront her und sollten dadurch alle Teile der Bevölkerung zum Durchhalten motivieren. Besonders gut kommt dies in einem am 24. Dezember 1915 abgedruckten Dankesschreiben zum Ausdruck. Die in der Handelsakademie gepflegten Verwundeten versicherten darin, „daß uns dieser Abend als die schönste Erinnerung an Innsbruck im Gedächtnis bleiben wird.“ Unter manchen Soldaten mache sich Wehmut breit, „daß die schöne Zeit“ in der Stadt bald vorüber sei und sie zurück in den Kampf ziehen würden. „Aber die Erinnerung wird uns auch ins Gedächtnis rufen, daß wir dort in der Front nicht verlassen und vergessen sind, sondern daß wir in der Heimat Menschen haben, die mit uns fühlen und für uns sorgen. Und die Ueberzeugung, daß wir mit den in der Heimat Zurückgebliebenen eine Einheit bilden […] wird uns die moralische Stütze sein, die uns Kraft geben wird, in den schrecklichsten Stunden des Lebens bis zum letzten Augenblick auf unserem Posten auszuharren.“

Weihnachten zu Hause
Viel später als ursprünglich gehofft, nicht schon 1914 sondern erst 1918, wurde Weihnachten in Innsbruck wieder im Frieden begangen. In zahllosen Häusern klafften jedoch schmerzhafte Lücken unter dem Christbaum, weil Familienmitglieder gefallen waren, sich noch in Kriegsgefangenschaft befanden oder als vermisst galten.