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Brief an die Innsbruckerinnen

von Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer

Liebe Innsbruckerinnen,
2016 und damit 105 Jahre nach dem ersten internationalen Frauentag sieht die Welt für Frauen in Innsbruck ganz anders aus. Es ist aber weiterhin wichtig, auf zentrale Frauenanliegen wie Gleichberechtigung am Arbeitsmarkt, gleichen Lohn für gleiche Arbeit und dem Kampf gegen Diskriminierung hinzuweisen. Die Forderungen von Clara Zetkin, die sich bei der zweiten internationalen Frauenkonferenz in Kopenhagen im Jahr 1910 erstmals für die Einführung eines internationalen Frauentages eingesetzt hat, haben nichts an Aktualität verloren. Im Gegensatz zu früher nehmen wir heute für uns in Anspruch in einer aufgeklärten Welt zu leben, trotzdem polarisieren Frauenthemen immer noch oft in der Gesellschaft.

Die unerfüllte Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit macht sich für jede einzelne Frau dramatisch bemerkbar. Bereits beim durchschnittlichen Einkommen erhalten Frauen mit 1.486 Euro netto in Tirol 36 Prozent weniger als Männer mit 2.293 Euro. Bei der Pension liegen Frauen mit 1.114 Euro netto 29 Prozent hinter den durchschnittlichen Männerpensionen in der Höhe von 1.550 Euro. Diese finanzielle Schere ist oft durch Familienarbeit und Kindererziehung bedingt. Es wäre aber zu kurz gegriffen, Kindererziehung nur als einen wirtschaftlichen Faktor zu sehen. Kindererziehung ist ein ganz wesentlicher sozialer Faktor. Es braucht gesellschaftliche Akzeptanz, die es ebenso den Männern ermöglicht, sich um die Kinder zu kümmern. Auch das verstehe ich unter Emanzipation. Freiheit für Frauen bedeutet gleichzeitig Freiheit für Männer, sich aus freiem Willen den Kindern widmen zu können. 

Arbeitswelt: Mehr Frauen für Führungspositionen

Persönlich war und ist es mir wichtig, dass Frauen an zentralen Schaltstellen der Gesellschaft Verantwortung übernehmen. Und hier spreche ich nicht von unentgeltlichen Aufgaben, welche überwiegend noch von Frauen wahrgenommen werden. Ich will Frauen ermutigen, Wege einzuschlagen, wo sie an entscheidender Stelle Strukturen für die Lebensqualität der Familien und Generationen entscheidend beeinflussen können. Im Idealfall ist dies eine Möglichkeit, ohne auferlegte Quotenregelungen eine Selbstregulierung herbeizuführen.
Der Stadtmagistrat Innsbruck geht in Sachen Frauenbeschäftigung mit gutem Beispiel voran. So sind 755 von 1.500 MitarbeiterInnen Frauen und 35 Führungspositionen weiblich besetzt.

Kommunalpolitik: Frauenanteil wird stetig höher

Österreichweit liegt der Anteil von Frauen als Bürgermeisterinnen seit 2014 bei (verschwindend geringen!) 6,7 Prozent. Das bedeutet, dass die Amtsgeschäfte in lediglich 140 der 2.359 Gemeinden von einer Frau geführt werden. In der auslaufenden Gemeinderatsperiode gibt es elf amtierende Bürgermeisterinnen von insgesamt 279 in Tirol. Mehr Frauen in der Politik bedeutet nicht automatisch eine bessere Politik, aber eine ausgewogenere: Das vernetzte Denken für Kinder, Familien und Generationen, die sozialen Grundpfeiler unserer Gesellschaft, findet damit Eingang in den Ursprung von Entscheidungen.
Innsbrucks politische Landschaft ist diesbezüglich auch kein unbeschriebenes Blatt. Pionierin der ersten Stunde war Ottiele Stainer, die bereits im Jahr 1931 für ihre Partei „Wahlgemeinschaft der Vereinigung arbeitender Frauen, Zweig Innsbruck“ zur Wahl antrat. Damals war der Weg für Frauen in der Innsbrucker Politik aber noch nicht frei. Ganz anders ist das spätestens seit dem Jahr 2002. Hilde Zach machte das Bürgermeisteramt für Frauen in Innsbruck salonfähig und wurde zur Vorreiterin in dieser Position in einer Landeshauptstadt. 

Für Innsbrucks Frauen eigenständige Wege ermöglichen…

Als Bürgermeisterin sehe ich es als wesentliche Aufgabe der Politik, Frauen das nötige Werkzeug in die Hand zu geben, um in Politik und Arbeitswelt Gehör zu finden. Chancengleichheit ist eines der viel strapazierten Themen der Vergangenheit, aber es geht immer noch darum, dass Frauen _  egal in welchem Bereich _ das gleiche Repertoire an Möglichkeiten zur Verfügung steht wie Männern.
In diesem Sinne darf ich Sie, liebe Innsbruckerinnen, motivieren, Ihren eigenen Lebensweg zu finden und zu gehen. Frauen wie Männer sollen über ihre persönlichen Lebensentwürfe selbst entscheiden können. Genauso, wie es Männern ohne Vorbehalte möglich sein muss, in einen klassischen Frauenberuf einzusteigen, muss es Frauen zugestanden werden, sich abseits von Familie, unbezahltem Ehrenamt oder dem Engagement in sozialen Bereichen in die Gesellschaft einzubringen. Dadurch können wir Frauen mitgestalten, positive Veränderungen herbeiführen und zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen.