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Atelierfoto Helene Kuen, aufgenommen in Innsbruck
Atelierfoto Helene Kuen, aufgenommen in Innsbruck

Helene Kuen

Ein Innsbrucker Frauenleben um 1900 geprägt von „Showbusiness“ und Sachzwang

Von Josefine Justic

Der seit dem Jahr 1911 auch in Österreich eingeführte Internationale Frauentag am 08. März regt nicht nur jedes Jahr von neuem an, die Rechte der Frauen weltweit einzufordern und auf deren Durchsetzung zu beharren, sondern ist auch dazu angetan, Frauenpersönlichkeiten in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. 

Dem Weitblick und der Umsicht einer Frau ist es zu verdanken, dass das Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck im Jahr 2001 auf eine Innsbruckerin aufmerksam gemacht worden ist, deren bemerkenswertes und außergewöhnliches Leben sonst wohl verborgen geblieben wäre. Frau Erika Kranzler schenkte damals den Nachlass von Helene Kuen dem Stadtarchiv/Stadtmuseum zur weiteren Aufbewahrung und Bearbeitung. Mit wachsendem Interesse wurden die Dokumente, Fotos, Briefe dieser Frau die an der Wende des 19. ins 20. Jahrhundert gelebt hatte, durchforstet und machten das für eine Innsbruckerin unkonventionelle, ja fast abenteuerliche Leben sichtbar.

Die „Devona Sisters“. Atelieraufnahme o. J., aufgenommen in London
Die „Devona Sisters“. Atelieraufnahme o. J., aufgenommen in London

Der Werdegang einer besonderen Künstlerin

Helene Kuen wurde als Tochter des Josef und der Maria Kuen, geb. Amort am 21. Juni 1876 in Innsbruck geboren, verbrachte ihre Kindheit im Stadtteil St. Nikolaus, besuchte dort ab 1882 die 5-klassige Mädchen-Volksschule, die sie jedoch vorzeitig, nach 3 Schuljahren verlassen musste, um im Waisenhaus untergebracht zu werden. Dies dürfte wohl deshalb notwendig geworden sein, da ihre Mutter, die seit 1881 verwitwet war nicht mehr über genug finanzielle Mittel verfügte, um ihre insgesamt drei Kinder – Helene hatte noch zwei Brüder – zu versorgen. Nach Absolvierung der Schulpflicht dürfte Helene dann „in Diensten“ zum Familienunterhalt beigetragen haben, jedenfalls findet sich ihre Spur 1894 als Magd wieder.
Ein Jahr später meldete sie sich bei ihrer Mutter mit einem Brief aus Deutschland, in dem sie ihr versichert, dass es ihr gut gehe und sie bei ihrem Bräutigam, einem Künstler, lebe.
Nun ist zu vermuten, dass Helene Kuen 1894/95 in einer „Nacht- und Nebelaktion“ mit diesem jungen Mann namens Alfred bzw. dem Künstlernamen „Emilion“ von Innsbruck in Richtung Norden nach Deutschland entschwunden ist, um dort zusammen mit ihrem Lebensgefährten, der als Varieté-Artist tätig war, „Karriere“ zu machen.
Und dies dürfte ihr auch in einem gewissen Ausmaß gelungen sein, denn laut den, in ihrem Nachlass erhaltenen Verträgen, trat sie zusammen mit ihrer Partnerin Tony Pellikan spätestens ab dem Jahr 1901 als „Bravour-Gymnastikerin an der Lyra“ unter dem Künstlernamen Geschwister Devona bzw. je nach Landesprache als Soeurs oder Sisters Devona auf. Die beiden tourten zumindest bis 1905 durch ganz Europa. Einzelne Stationen waren z. B. Leipzig, Halle an der Saale, Kristiana (Oslo), Zürich, Prag und Kopenhagen. In Innsbruck sind die Geschwister Devona und auch Monsieur Emilion nur einmal aufgetreten und zwar war am 01. August 1901 in der Restauration am Gelände der Innsbrucker Ausstellungshalle (= die heutige, denkmalgeschützte Messehalle), im Rahmen der Vorstellungen von Kils Colosseum aus München. 

Erfolge und Unstimmigkeiten

Das Programm setzte sich aus varietétypischen international besetzten Nummern zusammen, daran beteiligt waren ebenfalls La Bérat, eine Feuer- und Flammentänzerin, Clement de Lion, „der erste und hervorragendste“ Münzen- und Kartenmanipulateur, die Internationale Concert-Sängerin Fräulein Lina Rosé, The Maningo’s, Wunder-Knaben in der Bodenakrobatik und der Wiener Gesangs-Humorist mit selbstverfasstem Repertoir. Die Schwestern Devona zeigten sich „in ihren unerreichten Evolutionen an der elektrischen Luft-Lyra (Phänomenal)“ hieß es in den „Innsbrucker Nachrichten“.
Im April 1905 starteten die beiden eine Tournee nach Südamerika, während dieser sie laut Vertrag in Buenos Aires, Montevideo, Rio de Janeiro und Sao Paulo auftraten.
Nach dieser Tournee kam es zwischen den Partnerinnen zu Unstimmigkeiten, sodass Helene

Mitte Dezember 1905 eine vereinbarte Tournee nach England mit ihrem Partner antrat, und sie als „Helene & Emilion“ für neun Monate quer durchs Land tourten und in verschiedenen Varietés gastierten.

„Prospekt“ der Soeurs Devona, undatiert (1901/05)
„Prospekt“ der Soeurs Devona, undatiert (1901/05)

Da die Engagements der Devonas in der Regel für einen Monat oder nur für zwei Wochen abgeschlossen wurden und sie auch nicht jahresdurchgängig in diesem Metier angestellt waren, kam Helene Kuen immer wieder für ein paar Wochen nach Innsbruck, um in der Zwischenzeit zumeist im Gastgewerbe zu arbeiten. Ab dem Jahr 1906 bis zu ihrem Tod am 21. Juni 1952 war sie fast durchwegs in Innsbruck ansässig.
Nach ihrer Karriere im Showgeschäft stieg sie in das Geschäft ihrer Mutter ein, die in der Universitätsstraße ein Obstgeschäft innehatte und übernahm es nach dem Tod ihrer Mutter vollständig. 

Wer wagt, gewinnt

Mag sein, dass die Innsbruckerin Helene Kuen nicht zu den bedeutenden oder gar berühmten Frauenpersönlichkeiten unserer Stadt gezählt wird. Trotzdem erscheint es gerechtfertigt auch sie als eine Frau zu würdigen, die ihr Leben und Schicksal risikobereit in die Hand genommen und es gewagt hat, in einer Zeit, in der die Stellung von Frauen vorrangig auf die Rolle der Hausfrau und Mutter beschränkt war, diesen gesellschaftlichen Zwängen zu entfliehen. Dass ihr eine Rückkehr in ein „bürgerliches Leben“ möglich war, kann als Glücksfall bezeichnet werden, aber auch in diesem musste sie sich letztlich als Geschäftsfrau bewähren.