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Christof Grassmayr im Gespräch mit Daniela Hofer, Redakteurin Innsbruck informiert, über seine Erinnerungen und Eindrücke zum Kriegsende im Mai 1945 in Innsbruck.
Christof Grassmayr im Gespräch mit Daniela Hofer, Redakteurin Innsbruck informiert, über seine Erinnerungen und Eindrücke zum Kriegsende im Mai 1945 in Innsbruck.

„Ich hab‘ gedacht, im Krieg gibt’s nichts und im Frieden alles.“

In der letzten „Innsbruck informiert“-Ausgabe wurden Zeitzeugen aufgerufen, sich zu melden, und von ihren Erinnerungen an das Kriegsende vor 70 Jahren zu erzählen. Christof Grassmayr hat sich die Zeit genommen und beeindruckte mit seinen Erzählungen.

Geboren wurde Grassmayr, der aus dem bekannten Innsbrucker Glockengießerfamilie stammt, am 04. März 1938. Den Krieg hat er also in seiner Kindheit erlebt und daraus Erfahrungen und Erinnerungen mitgenommen, die ihn sein restliches Leben prägen sollten. 

Bei einem intensiven Gespräch erzählt Grassmayr von zwei schweren Angriffen auf das Familienunternehmen, dass sein Vater nicht eingezogen wurde, weil das Unternehmen Grassmayr während dem Krieg statt Glocken Material für die Messerschmiedwerke westlich von Innsbruck fertigte und vom Umzug nach Sistrans, um in Sicherheit zu sein und da das Wohnhaus in Innsbruck zerstört war. Dort hörte er auch als Siebenjähriger die Panzerketten, die den Einmarsch der Amerikaner, die damals über Scharnitz gekommen waren, und das Kriegsende bedeuten sollten.

„Hauptsache die Amerikaner sind schneller als die Russen“
Jeden Abend, erzählt der Zeitzeuge, habe er mit seinem Vater auf einer großen Landkarte mit Stecknadeln Linien gesteckt, die anzeigten, wie weit die Truppen bereits vorgedrungen waren. „Eigentlich haben wir nur gehofft, dass die Amerikaner schneller sind als die Russen. Die Russen kämpften einen grausamen Krieg, vergewaltigten Frauen und zerstörten alle Betriebe. Davor haben wir uns wirklich gefürchtet“, erinnert sich Christof Grassmayr noch genau. Wenn die Russen kommen sollten, müssten sie flüchten. Soviel wusste Grassmayr, wohin wusste er allerdings nicht. „Ich bin mir nicht einmal sicher, ob meine Eltern das damals gewusst haben“, erzählt er.

Für die Flucht war bereits alles vorbereitet: Jedes Familienmitglied – Grassmayr war eines von vier Kindern – hatte einen Rucksack, der mit den wichtigsten Dingen für eine Flucht befüllt war. Nach dem Einmarsch der Amerikaner war dieser nicht mehr notwendig. Auf die Frage, an welche Gefühle er sich beim Ende des Krieges erinnern konnte, antwortet Grassmayr: „Ich war ein Kind. Für mich war der Höhepunkt, dass ich meinen Rucksack leeren und die Dinge darin aufessen durfte. Auch Schokolade und Dörrobst war drin, das gab’s sonst nicht.“

Krieg kann man nicht einfach ausschalten
Weiter erinnert er sich daran, dass er als Kind davon ausgegangen ist, dass sobald das Kriegsende verkündet werde, alles anders sei. „Dass es dann nicht auf einmal alles gibt, nachdem wir im Krieg nur sehr wenig hatten, musste ich erst verstehen“, so Grassmayr.

Auch von der ersten Begegnung mit amerikanischen Soldaten erzählte er: „Der von den Nazis ab- und von den Amerikanern wieder eingesetzte Bürgermeister kam in Begleitung von amerikanischen Soldaten zu uns. Es ging darum, ob wir unser Haus behalten dürfen, oder amerikanische Offiziere einziehen würden. Da wir keiner Partei angehörten, konnten wir bleiben. Da herrschte sehr große Erleichterung.“

So wie jeder besaß auch die Familie Grassmayr Nazi-Material: beispielsweise musste damals an jedem Haus eine Fahne mit Hakenkreuz hängen. Christof Grassmayr erinnerte sich noch genau daran, wie seine Mutter genau dieses aus der Fahne schnitt und eine weiße Stoffbahn dafür einsetzte. So hingen in kürzester Zeit überall rot-weiß-rote Fahnen.

Das Hakenkreuz hat die Familie gemeinsam mit anderen Sachen, wie zum Beispiel Hitler-Bildern, verbrannt. Dem damals siebenjährigen Christof Grassmayr hatte eine ältere Cousine damals erklärt, dass diese Sachen besser brennen würden als andere. „Und ich hab’s natürlich geglaubt“, erzählt der Zeitzeuge.

Erste Glocke als Hoffnungsschimmer

Von einem nahezu nahtlosen Übergang von der Produktion für die Messerschmiede hin zur Wiederaufnahme des Glockengießens, erzählt Grassmayr gerne. „Die ersten Glocken nach dem Krieg haben wir für die Gemeinden Stumm und Ellbögen gegossen. Ich erinnere mich noch genau, denn mein Vater ließ mich dabei sein – auch wenn ich wohl mehr im Weg stand als half.“ Die erste fertige Glocke musste auf einem Umweg quer durch die Stadt ausgeliefert werden. So sollte dem Volk symbolisiert werden, dass es wieder bergauf ging.

 

Heute ist Christof Grassmayr 77 Jahre alt und lebt mit seiner Frau in Mühlau. Die Erfahrungen, die er als Kind im Krieg gesammelt hat, haben ihn geprägt. In seinem Leben habe er beispielsweise noch nie ein Stück Brot wegwerfen können, erzählt er. Außerdem war es ihm sein Leben lang ein Anliegen, ein bisschen etwas dazu beizutragen, dass es den Menschen gut gehe. Denn dann, meint er, passiert so etwas wie ein Krieg weniger wahrscheinlich wieder.

 

Nach 38 Jahren an der Spitze des Familienbetriebs, den er im Alter von 22 Jahren nach dem tragischen Tod seines Vaters von seiner Mutter übernommen hatte, übergab er diesen an zwei seiner drei Kinder. Trotzdem trifft man den Pensionisten auch heute noch oft in Unternehmen an. „Manchmal mache ich noch Führungen – und das leidenschaftlich gerne.“ (DH)