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Vor 100 Jahren - Jänner 1915

Die Meldungen des amtlichen Mitteilungsblattes vom Jänner 1915.

Am Anfang des sechsten Kriegsmonats.

Geschütz vom 1. Weltkrieg am Pasubio, 1917, Walter Klier
Geschütz vom 1. Weltkrieg am Pasubio, 1917, Walter Klier

1.Jänner 1915 Der stille Silvester. […]Der sonst übliche Silvesterunfug ist diesmal vollkommen ausgeblieben.

 

2.Jänner 1915 (Ein Russe als Brandstifter im Arrest.) In der Silvesternacht ungefähr um 12 Uhr nachts brach in einem Polizei-Arrestlokale, die im zweiten Hofe des Innsbrucker Rathauses untergebracht sind, Feuer aus. Von den darin befindlichen acht Betten sind sechs samt den Strohsäcken und den Wolldecken zum größtenteil verbrannt, wodurch der Stadtmagistrat einen Schaden von etwa 200 Kronen erleidet. Die Entstehungsursache war folgende: In diesem Arrestlokale ist seit 5. November ein Russe namens Krzesiek, der auch als Anarchist in Evidenz geführt wird, in Schubhaft. Seit etwa 14 Tagen war er mit einem italienischen Deserteur in diesem Arreste allein und beide vertrugen sich recht gut miteinander. Vorgestern verlangte sich der Italiener heraus, da er mit dem Russen angeblich in Feindschaft geraten war und diesem nicht mehr traute, weshalb er in ein anderes Arrestlokal gegeben wurde. In der Silvesternacht mußte aber ein anderer Häftling zu dem Russen gegeben werden. Dieser, kaum als er eingeschlafen war, erwachte plötzlich infolge Hitze und sah das ganze Lokal in Flammen; er machte sofort Lärm, worauf der Wachmann Salouschek erschien, der gleich die Berufsfeuerwehr verständigte, die den Brand bald löschte. Der Mithäftling gab über Befragen an, er habe, als er sich schlafen legte, gesehen, wie der Russe eine Schachtel Zündhölzer unter einem Bette hervorsuchte und sich ein Zigarettenstümpfchen anzündete. Er schlief aber dann ohne Bedenken ein. Krzesiak hatte den Brand wahrscheinlich deshalb gelegt, um in dem beim Löschen entstehenden Trubel vielleicht flüchten zu können, was ihm aber nicht gelang. Der Brandstifter wurde, da er sich sehr gut bewußtlos zu stellen verstand, durch die Rettungsabteilung ins Spital abgeliefert, aber noch gestern Vormittag wieder geholt und durch die Polizei dem Landesgerichte überstellt.

 

3. Jänner 1915 Kriegshumor Schulze (beim Braten einer Gans): „Wie ich ihr gekriegt hab‘? Mein Freund streng reell. Also ich steh auf Vorpfosten. Plötzlich schleicht sie sich heran. Ich rufe: „Wer da?“ Aber sie gibt keine Antwort. Na, und da hab‘ ich sie dann erschossen!“

 

4. Jänner 1915 (Schlechter Geschäftsgang.) Wie man uns aus Hötting berichtet, haben in der letzten Zeit zwei Bäckereien ihren Betrieb eingestellt und zwar: Sophie Mayr in der Kirchgasse und Felix Tiwald in der Riedgasse. Die übrigen fünf Bäckereien in Hötting sind noch in Tätigkeit. Das Brot wird in gleicher Weise und um denselben Preis wie das der Innsbrucker Bäckereien erzeugt.

Bäckerei Köchler in der Schlossergasse 13, 1903 - 1906
Bäckerei Köchler in der Schlossergasse 13, 1903 - 1906

5. Jänner 1915 (Ungeeignete Rodelbahnen.) Man berichtet uns: Das Rodeln durch die schmale Kirchgasse und durch die Fallbachgasse in St. Nikolaus ist für die Rodler sehr gefährlich, weil jetzt die Straßen vereist sind und das Tempo der Rodler ein sehr rasches ist. Diese sollten verhalten werden, sich zu ihrem Vergnügen einen anderen, geeigneten Platz außerhalb des Verkehrs auszusuchen.

Rodler 1905 - 1915
Rodler 1905 - 1915

6. Jänner 1915 (Jagd auf einen Spitzbuben) machte gestern abends 7 Uhr in St. Nikolaus die Gendarmerie, es galt, des vor einigen Tagen dem Arreste entsprungenen, wegen Einbruches, Desertion, Betrügereien usw. steckbrieflich verfolgten Militäristen Sanktjohanser aus Hötting wieder habhaft zu werden. Nach längerer aufregender Verfolgung von Haus zu Haus und durch die dahinterliegenden Gärten gelang es der Gendarmerie, den Spitzbuben, welcher barfuß war, in einem sicheren Versteck im Garten des Bäckermeisters Federspiel dingfest zu machen und ihn auf Nummer Sicher zu bringen.

 

8. Jänner 1915 (Ein erschreckender Anblick) bot sich gestern Nachmittag in einem Hause am Saggen. Ein alter Mann, der dort eine Besorgung zu machen hatte, war vielleicht infolge eines plötzlichen Schwindels gestürzt und mit dem Kopfe nach abwärts bewußtlos liegen geblieben. Nach einiger Zeit kam er wieder zu sich; außer einer großen Quetschwunde oberhalb des rechten Auges scheint der Greis glücklicherweise keinen Schaden genommen zu haben.

 

9. Jänner 1915 (Die Blindenkinder-Arbeiten für unsere Soldaten!) Rührend und ergreifend ist es, zu hören und zu sehen, daß auch die Kinder im Blinden-Institut in Innsbruck-Pradl für unsere Soldaten arbeiten. In einem Schaufenster des Geschäftes Gertler am Burggraben sind Wollsachen und Bürsten ausgestellt, welche die Blinden angefertigt haben.

 

11. Jänner 1915 (Eine Gasthausprügelei) gab es hier gestern nachts. Ein Steirer, der sich weigerte, noch weiter Wein zu zahlen, wurde übel zugerichtet. Ein Hieb mit dem Sessel riß ihm ein Loch in die Kopfschwarte. Blutüberströmt brachte man ihn gegen 1 Uhr in die Rettungsstation, wo er verbunden wurde. Unter Anzeichen einer Gehirnerschütterung überführte man ihn sodann in die chirurgische Klinik.

 

12. Jänner 1915 Ein Ehering als Lebensretter. Die Zufälle, durch welche im Kriege gar manche Menschenleben gerettet wurden, sind schon des öfteren verzeichnet worden. Von besonderen Interesse dürfte jedoch die sonderbare Zufälligkeit sein, welcher der Zugsführer Norbert Modrak aus Asch, der auf dem südlichen Kriegsschauplatze kämpft, sein Leben verdankt. Eines Morgens, als es zum Angriffe gegen die Serben ging, verletzte sich Modrak am Ringfinger an einem abgebrochenen Aste, weshalb er den Ehering abnahm und an den Mittelfinger der linken Hand steckte. Zehn Minuten nachher spähte Modrak, der eine Patrouille führte, mit dem Feldstecher nach dem Feinde aus. Da pfiff ein Geschoß, das in der Richtung gegen die Stirn Modraks kam. Da aber dieser mit der linken Hand den Feldstecher vor den Augen hielt, traf das Geschoß zunächst den Ehering zerschmetterte diesen, wodurch die Flugbahn der Kugel geändert wurde und Modrak nur leicht an der Schläfe streifte. Hätte Modrak den Ring nicht an diesem Finger gehabt, wäre er durch einen Kopfschuß getötet worden.

 

13. Jänner 1915 (Opferstockdiebstahl.) In der Herzog-Friedrichstraße fand man in der vergangenen Nacht eine Opferbüchse aus schwarz gestrichenem Blech, ungefähr 12 Zentimeter in Breite und Höhe messend; Das Schloß war aufgebrochen. Offenbar rührt die Büchse von einem Diebstahle her.

 

14. Jänner 1915 (Sonderbares Winterwetter.) Heute früh fiel feiner, bröseliger Schnee, den Hagelkörnern ähnlich, und als im Laufe des Vormittags die Temperatur über Null gestiegen war, entpuppte sich diese merkwürdige Sorte von Niederschlägen als erkalteter, gefrorener Regen. Bald darauf kam die wirkliche Form des Niederschlages zum Vorschein: es regnete wie im Hochsommer. Sollte diese ungewöhnliche Erscheinung auch auf den Bergen eingetreten sein, ist verstärkte Lawinengefahr zu befürchten. […]

15. Jänner 1915 (Wem gehören die Gemshäute?) Ein Polizist stand unter der zu rechten Innufer hinabführenden Steinstiege nächst der Großmarkthalle, drei Gemshäute, zwei Winterhäute und eine Sommerhaut. Diese rühren wahrscheinlich von einem Diebstahl her.

 

Marktplatz, 1915
Marktplatz, 1915

16. Jänner 1915 (Frauenhilfsaktion für den Krieg. Erlerstraße 16.) Die Frauenhilfsaktion hat am Schlusse des Jahres ihre Tätigkeitsbilanz gemacht. Sie gibt 116 Kindern täglich in der Volksküche ein Mittagsbrot, 25 Frauen bekommen täglich für ihre kleineren Kinder Milch , in unsere Nachmittagskaffeeverteilung kommen 60 - 70 Personen, die eine Tasse heißen Kaffee und ein Brot bekommen, durch unsere Vermittlung haben wir 300 Mittagsfreitische in Familien, so daß wir täglich über 500 Personen unsere Hilfe angedeihen lassen. Außerdem kamen bis heute 1000 Volksküchenmarken zur Verteilung. […]

 

18. Jänner 1915 (Meister Lampe in Nöten.) Nach den ersten größeren Schneefällen kommt das arme Wild von den Höhen herab in den Niederwald, selbst die vorsichtige, argwöhnische Gemse verläßt ihre Standorte und wandert in die Gegend der Latschenbestände. Und erst der Hase, wenn es sich um den täglichen Fraß handelt, entwickelt eine Kühnheit sondergleichen, eine Bewegtheit, die seiner großen Familie sonst nicht nachgesagt wird. Allerdings wählt er zu seinen Proviantierungs-Ausflügen in bewohntes Gebiet meist die Zeit, wo im Winter noch alles in den Federn liegt. Im Stadtgebiete von Innsbruck, nämlich im Bereiche der bewohnten Straßen sieht man morgens sehr häufig Spuren der Hasen , welche vom Berge nördlich der Stadt herabführen. In den letzten Tagen konnte man frische Hasenfährten am rechten Innufer beobachten, auf der Ufermauer selbst, ein Beweis dafür, daß die Hasen am offenen Fluße Nahrung Nahrung suchen. Sie kommen auch über die Kettenbrücke ins Stadtgebiet.

 

19. Jänner 1915 (Wehrhafte Mädchen.) In Mariahilf scheint gestern Abend ein junger Mann zwei ihm begegnenden Mägdlein nicht weit genug ausgestellt zu haben, denn eine derselben kehrte sich um und stieß dem Ahnungslosen einen Schlüssel an die linke Schläfenseite, daß das Blut nur so herunterfloß.

 

21. Jänner 1915 (Feuerwehrmedaillen) Den Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr in Amras Andrä Kirchmayr und Franz Marthe wurde die Ehrenmedaille für 25jährige verdienstliche Tätigkeit auf dem Gebiete des Feuerwehr- und Rettungswesens zuerkannt.

 

22.Jänner 1915 (Der Postverkehr mit Krakau) Die k.k. Post- und Telegraphendirektion verlautbart: Zufolge telegraphischen Erlasses des k.k. Handelsministeriums vom 19. Jänner ist der Privatpostverkehr nach Krakau nunmehr zugelassen.

 

23. Jänner 1915 (Firstfeier.) Heute wird am neuen Universitäts-Hauptgebäude hier der First aufgesetzt. Es findet keine besondere Feier statt; Poliere und Arbeiter erhalten Geldspenden. Die Bauleitung und die Beamten der ausführenden Baufirma Retter werden sich abends zu einem kleinen Mahle zusammenfinden.

 

23. Jänner 1915 (Schutz den Brieftauben!) Schon zu wiederholten Malen wurde an dieser Stelle auf die Wichtigkeit der Brieftauben hingewiesen, die aber immer noch zu wenig gewürdigt wird. Von amtlicher Seite werden nun folgende beherzigende Ausführungen verlautbart: Aus den Kreisen der Interessenten wurde bereits wiederholt darüber Klage geführt, daß die Brieftaubenzucht infolge mangelhaften Schutzes der Brieftauben, insbesondere gegen deren immer noch vorkommendes Abschießen einen großen Schaden erleidet, wodurch die auf die allseitige Ausgestaltung und Förderung des militärischen Nachrichtendienstes hinzielende Tätigkeit der in Betracht kommenden Korporationen sehr erschwert und die mit viel Aufwand und Mühe erzielten Erfolge in Frage gestellt werden. Da Brieftauben Haustauben sind, die für die Zwecke der Nachrichtenvermittlung besonders gezüchtet; bzw. abgerichtet werden, sind sie als „Zahme oder zahm gemachte Tiere“ im Sinne des § 384 a. B. G.-B. anzusehen und als solche „kein Gegenstand des freien Tierfanges“. Brief- und Haustauben sind auch nicht jagdbare Tiere, sohin deren Erlegung nicht dem Jagdberechtigten zusteht. Auf ihre Verfolgung , auf das Fangen, Töten, Schießen u. dergl. finden daher die Bestimmungen der Jagd-, bzw. Vogelschutzgesetze keine Anwendung. Die widerrechtliche Verfolgung, Tötung oder Aneignung einer Brief-, wie auch einer Haustaube überhaupt, ist vielmehr als ein Eingriff in Privatrechte zu betrachten und nach den einschlägigen Bestimmungen des Strafgesetzes zu ahnden.

 

Trägerkolonne am Pasubio, 1917
Trägerkolonne am Pasubio, 1917

25. Jänner 1915 (Im Dusel.) Ein angetrunkener Landsturmmann kam heute nach Mitternacht in seine militärische Unterkunft in der Neurauthgasse. Er klopfte an, da ihm aber nach seinen Begriffen nicht rasch genug aufgemacht wurde, stieß er die Füllung der Haustüre ein, natürlich nicht ohne den solche Handlungen begleitenden Lärm. Einen anderen Mann in der Unterkunft beschimpfte und bedrohte der gewalttätige, durch den allzureichlichen Alkoholgenuß zu Gewalttaten fähige Landsturmmann in einer solchen Weise, daß der Bedrohte nach einer ihm zunächst stehenden Flasche griff und diese dem Beduselten auf den Kopf schlug. Der Hieb war ziemlich kräftig. Der Verletzte wurde dann von der Polizei zur Rettungsstelle im Rathause gebracht und dann der Militärbehörde übergeben.

 

25. Jänner 1915 (Auf Abenteuer!) Ein hier zur Genesung untergebrachter Soldat machte in einem Wirtshause in der Hofgasse die Bekanntschaft zweier Mädchen, die ihn zum Mitgehen einluden. Der Soldat folgte den Beiden in ihre Wohnung in der Innstraße. Am nächsten Morgen entdeckte der Soldat den Abgang seiner Geldtasche mit einem immerhin namhaften Betrage. Da es noch nicht festgestellt ist, welches der beiden Mädchen den Diebstahl begangen hatte, wurden beide in Haft genommen.

 

26. Jänner 1915 […] - aus Anlaß des Geburtstages Sr. Majestät des deutschen Kaisers, des treuen Verbündeten unseres Herrschers, findet auch in der evangelischen Christuskirche in Innsbruck am Mittwoch den 27. d. M. und zwar vormittags 10 Uhr ein Festgottesdienst statt, wozu die Spitzen der Militär- und Zivilbehörden seitens des evang. Pfarramtes eingeladen werden.

 

27. Jänner 1915 (Schülerarbeit.) In der Filiale des Kaufmannes Thöni in der Defreggerstraße ist ein „Kriegsschiff“ ausgestellt, welches der Schüler Seraphin Sonn in Pradl verfertigte. Die Arbeit des Schülers verdient alle Anerkennung. Das Schiff ist ¾ Meter lang und wurde nach D. Mayser’s Vorlagen in der Zeitschrift „Spiel und Arbeit“ zusammengestellt. Der Schüler brauchte bis zur Fertigstellung des Schiffes zwei Monate und taufte dasselbe „Zenta II.“

 

28. Jänner 1915 (Beim Spiele verunglückt.) Beim Fangenspielen auf einer kleinen Rodelbahn ist gestern ein im Saggen wohnender achtjähriger Junge verunglückt. Sein Spielgenosse fiel derartig auf ihn darauf, daß dem erstgenannten Jungen der rechte Oberschenkel gebrochen wurde.

 

29. Jänner 1915 (Lebensmittelfälschung.) Dieser Tage wurden auf dem hiesigen Grünzeugmarkte der Händlerin Kolb durch den Marktkommissär Nedl zum Verkaufe angebotene Butter und Schmalz beschlagnahmt, da die Nahrungsmittel gefälscht waren.

 

30. Jänner 1915 (Lebensmittelfälschung.) Marktkommissär Nedl schreibt uns zu dieser Notiz in unserem gestrigen Mittagsblatte, es sei unrichtig, daß der Butterhändlerin Kolb am Innsbrucker Gemüsemarkte verfälschte Butter von mir in Beschlag genommen wurde.

 

30. Jänner 1915 (Das Rundgemälde, „Berg Isel - Schlacht“) an der Kettenbrücke wird von den Verwundeten und kranken Soldaten, besonders den Reichsdeutschen, viel besucht und bewundert. Die Besitzer des Gemäldes gewähren den Verwundeten und Kranken des Mannschaftstandes freien Eintritt. Bisher erreichte die Zahl dieser Besucher 600.

 

Aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum:
Mag.ͣ Anneliese Außerdorfer