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Innsbruck vor 100 Jahren - November 1914

2. November 1914 (Ein Schwindler.) Zu einer Familie in Innsbruck deren Sohn vermißt wird, kam letzlich ein Soldat in der Uniform der „Rainer“ und gab an, der Vermißte sei im Epidemiespital zu Salzburg. Der Mann gab diese Auskunft nicht umsonst. Es wurden nun von den Angehörigen sofort aus Salzburg Nachrichten eingeholt, die aber ergebnislos waren, denn die Angaben des „Rainer“-Soldaten waren falsch und auf Betrug aufgebaut. Zu einem geistlichen Herrn in Hötting, dessen Bruder als tot gemeldet wurde, kam der gleiche Mann und teilte mit, der Totgesagte befinde sich am Leben und zwar ebenfalls im Epidemiespital zu Salzburg. Natürlich war auch diese Angabe nur auf betrügerischen Gewinn berechnet und unwahr; andere Leute mögen sich vor dem Schwindler hüten. Dieser ist groß, schwarz und hat ein blatternarbiges Gesicht.

2. November 1914 (Eine Kriegszigarette.) Amtlich wird verlautbart: In sämtlichen Tabaktrafiken und Spezialitätengeschäften gelangt auf die Dauer des jetzigen Krieges eine neue Zigarettensorte mit der Bezeichnung „Austria“ zum Verschleiße, aus deren Einnahmen 26 % dem Kriegsfürsorgeamt zukommen. Der Preis der neuen Zigarettensorte beträgt 4 Heller per Stück bzw. 4 Kronen per 100 Stück.

2. November 1914 (Mißglückte Flucht.) Ein Hautkranker wollte heute nachts von der Dermatologischen Abteilung des Innsbrucker Krankenhauses hier entweichen, weil der Mann, ein öfter vorbestraftes, von Innsbruck ausgewiesenes Individuum mit Schub von hier weggebracht werden sollte. Es gelang ihm, von seiner Abteilung in den zum pathologischen Institute hinüberführendenden Durchgang hinabzukommen, dieser war aber versperrt und dort traf ihn auch der Kommandant der Landsturmwache. Dieser stellte ihn zur Rede, der Ausreißer ging aber sofort auf den Wächter los und es entstand eine Balgerei mit dem krätzigen Menschen, an der auch noch andere teilnehmen mußten, um den tobenden Menschen zu überwältigen. Er wurde dann von der Polizei ins Gefangenenhaus gebracht, an Händen und Füßen gefesselt und in eine Zwangsjacke gesteckt, denn der Unmensch benahm sich wie ein wildes Tier.

Fürs Vaterland gefallen.

Soeben kommt die Nachricht, daß Herr Hauptmann Oskar Haas (Inf.Reg. Nr. 101), der Schwager des hiesigen Bahnhofwirtes, Herrn A. Kiener, in Galizien auf dem Felde der Ehre gefallen ist, Hauptmann Haas war ein sehr beliebter Offizier, verheiratet und Vater eines dreijährigen Töchterchens.

2. November 1914 (Die letzten Schwalben) sah man gestern allenthalben in Sammlung begriffen in den Lüften, gerüstet für die Reise nach Süden. Verspätete Bruten, junge Nachzügler mit ihren Alten, mögen sie ihr Ziel erreichen und aufs Wiederkommen im nächsten Jahre nicht vergessen.

4. November 1914 (Beim Waschen vom Tode ereilt) Die 46 Jahre alte Dienstmannsfrau Johanna Kasseroler, geb. Singer, erlitt gestern abends gegen 9 Uhr, als sie bei dem offenen Brunnen in der Herzog-Friedrich-Straße hier mit Waschen beschäftigt war, einen Blutsturz, der so heftig war, daß die Frau innerhalb einiger Minuten starb. … Der traurige Vorfall erfuhr jedoch noch eine Steigerung; als die Verstorbene mit der Totenräderbahre weggeschafft werden sollte, erkannte der eine der diese Arbeit ahnungslos verrichtenden Dienstmänner namens Kasseroller, daß er - seine Frau vor sich habe.

Herzog-Friedrich-Straße, Brunnen vor dem Trautsonhaus, Frau steht nördlich und wäscht ihre Wäsche
Herzog-Friedrich-Straße, Brunnen vor dem Trautsonhaus, Frau steht nördlich und wäscht ihre Wäsche

13. November 1914 „Fräulein, wenn wir wiederkommen, heiraten wir!“

Dieses Versprechen gab ein Landsturmmann auf dem Bahnhofe in Kamenz einer Pflegerin, die dort Liebesgaben an einen durchfahrenden Landsturmtransport verteilte: „Na, wollen ‘mal sehen, ob Sie Wort halten,“ gab die Pflegerin lächelnd zur Antwort. Große Augen machte der brave Landsturmmann, als ihm kurz darauf die Leiterin der Verpflegsstation zuflüsterte: „Das war ja die Prinzessin Friedrich Wilhelm von Preußen.“

15. November 1914 (Verwundeten = Transporte.) Gestern Vormittag 9 Uhr langten hier weit über 300 Verwundete ein, welche aus anderen Spitälern stammend, bereits als seuchenfrei erklärt waren und zumeist sitzend transportiert werden konnten. - …

17. November 1914 (Unvorsichtig.) Ein Mädchen, das gestern Nachmittag bei der Station Hungerburgbahn den Zug nach Hall versäumt hatte, wollte diesem nachlaufen und versuchte sich an den letzten Wagen des Zuges anzuhängen, ihre Kleider verfingen sich aber an der Kuppelung des Schlafwagens und das Mädchen wurde ein ziemliches Stück weit mitgeschleift. Der dem Haller Zuge nachkommende Wagen der Linie 2 mußte anhalten und der Kondukteur hob das auf dem Geleise liegende Mädchen auf. Ihre Verletzungen scheinen nicht schwerer Art zu sein.

18. November 1914 (Eine interessante Neujahrs-Entschuldigungskarte) gibt für 1915 der Pradler Kirchenbauverein in Form eines Kirchenkalenders heraus. Derselbe ist 48 Seiten stark, enthält eine genaue Gottesdienstordnung der Stadtpfarre Pradl sowie aller Kirchen der Landeshauptstadt. Eine kurze Geschichte des ehemaligen Dorfes Pradl, des Kirchenbauvereines, Berichte über Armenpflege, Kindergarten, Mädchenpatronagen usw., sowie Notizen , die Pfarrkanzlei und Seelsorge betreffend, dürften in der Seelsorge allgemein interessieren. Den Kalender schmückt das Pradler Marienbild, gezeichnet vom Maler, Gemeinderat Raphael Thaler. Der Kalender ist auch im Buchhandel zum bescheidenen Preise von 30 Hellern erhältlich. Das Erträgnis ist für die äußerst notwendige Einrichtung und Ausschmückung der neuen Pfarrkirche bestimmt.

Gruppe von Verwundeten im Reservespital 06
Gruppe von Verwundeten im Reservespital 06

19. November 1914 (Soldatendank.) Ein Kärntner, der in Innsbruck als Verwundeter war und nun zeitweise in seiner Heimat weilt, stellt an uns das Ersuchen, für die freundliche, sorgsame Behandlung, welche den Verwundeten zuteil wurde, den vielen wohltätigen Innsbruckern aus vollem Herzen zu danken. Der Mann rühmt nicht nur die Aufmerksamkeit der Aerzte und Pflegerinnen, sondern ganz besonders die wohltätige Gesinnung der Innsbrucker Bevölkerung. Besonderen Dank zolle der Mann der Familie Smolle Innsbruck, Bahnstraße 2.

20. November 1914 (Innsbrucker Eislaufverein.) Seit 2. November findet der Kartenvorverkauf für die kommende Eislaufsaison im Vereinshause am Ausstellungsplatze statt. ... Trotz der Kriegswirren herrscht eine rege Nachfrage nach Karten. Es haben schon viele Mitglieder ihr Abonnement erneuert, was wohl hauptsächlich dem Umstande zuzuschreiben ist, daß der Eislaufsport auch in diesen schweren Zeiten, weil gesundheitsfördernd, gepflegt werden soll. Es wird ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß die Garderobekästen längstens bis 27. November den vorjährigen Mietern vorbehalten bleiben, nach diesem Termine jedoch an neue Bewerber vergeben werden. … Die Preise der Karten sind die gleichen wie im Vorjahre und sind dieselben auch an den Anschlagtafeln des Vereines am Vereinshause, am Landhaus und am Burggraben zu ersehen.

Eislaufplatz im Saggen
Eislaufplatz im Saggen

24. November 1914 (Freiwillige Radfahrer vor!) Der Tiroler Radfahrerverband erläßt nun einen Aufruf an die Radfahrerschaft Tirols, sich zur militärischen Radfahrerkompagnie zu melden. Die Anmeldung zur freiwilligen Radfahrerkompagnie entbindet der Verpflichtung, zur Musterung zu erscheinen. In Wien, Graz und Leitmeritz sind bereits Radfahrerkompagnien in der Stärke von 300 bis 600 Mann gebildet. … Auskünfte werden erteilt in der städt. Militärkanzlei beim Stadtmagistrate Innsbruck, bei der k. k Bezirkshauptmannshaft Innsbruck …

25. Novemer 1914 (Die Lebensmittelfrage in Hötting.) Wie aus Hötting berichtet wird, wurden auch von der Gemeinde Hötting Vorkehrungen getroffen, Lebensmittel als Vorrat anzuschaffen. Gestern sind einige Waggons Kartoffel, die in Böhmen bestellt wurden, hier eingelangt und ins Schulhaus (Turnhalle) in der Höttingerau gebracht worden Die Zeit der Abgabe derselben an die ärmere Bevölkerung in Hötting wird später bekannt gegeben werden.

27. November 1914 Zulassung von Feldpostpaketen zur Weihnachtszeit. Die herannahende Weihnachtszeit hat in der Bevölkerung den Wunsch gezeigt, den lieben Angehörigen draußen im Felde die Trennung von der Familie durch Zuwendung der üblichen Weihnachtsgaben weniger fühlbar zu gestalten. Dem allgemeinen Wunsche folgend, hat die Heeresverwaltung in ihrer Fürsorge um das Wohl der kämpfenden Soldaten , ungeachtet der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten einer wirksamen Organisation des Feldpaketverkehres beschlossen, Feldpostpakete während der Zeit vom 5. Dezember 1914 bis einschließlich 15. Dezember 1914 für den ganzen Truppenbereich unter den nachstehenden Bedingungen zuzulassen: …

28. November 1914 (Der Storch im Wachzimmer.) Im Wachzimmer der Höttinger Polizei gab es heute 2 Uhr morgens eine Entbindung. Die telephonisch berufene Innsbrucker Rettungsabteilung konnte Mutter und Kind nach geleistetem Beistand noch im Gebärhaus unterbringen.

30. November 1914 (Ein Wehleidiger.) Gestern fand ein Rodler unterhalb Heil. Wasser einen 18jährigen Burschen, der behauptete, gestürzt zu sein und sich das Bein gebrochen zu haben. Mitleiderfüllt brachte der Rodler den „Verunglückten“ bis Igls zur Bahn und nach Innsbruck herab, wo allerdings die ärztliche Untersuchung ergab, daß dem Burschen außer einer leichten Prellung am Schienbein gar nichts fehle als - ein warmes Bad mit Bürste und Seife.

Aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum: Mag.a Anneliese Außerdorfer

Zwei Frauen machen Rast in Heiligwassser oberhalb von Igls und jausnen
Zwei Frauen machen Rast in Heiligwassser oberhalb von Igls und jausnen