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Erster Südtiroler Wohnbau der "Neuen Heimat" mit 125 Wohnungen am Sillufer in Innsbruck - Sebastian-Scheel-Straße/Erzherzog-Eugen-Straße; Frühjahr 1940
Erster Südtiroler Wohnbau der "Neuen Heimat" mit 125 Wohnungen am Sillufer in Innsbruck - Sebastian-Scheel-Straße/Erzherzog-Eugen-Straße; Frühjahr 1940

Ein ambitioniertes Wohnbauprogramm

Die Südtiroler Siedlungen in Innsbruck

Im Sommer 1939 vereinbarten Vertreter des nationalsozialistischen Deutschen Reiches und des faschistischen italienischen Staates die Option und Umsiedlung der SüdtirolerInnen, als deren Folge im Verlauf der folgenden vier Jahre rund 75.000 Menschen ihre Heimat südlich des Alpenhauptkamms verließen. Bevor diese Umsiedlung in Gang kam, wurden für die zu erwartenden „Rücksiedler“ – wie sie im damaligen NS-Jargon bezeichnet wurden – in ganz Österreich Wohnungen geplant und in Tirol und Vorarlberg die größte Wohnbauaktion während des Krieges gestartet, die den Neubau von 10.000 Wohnungen zum Ziel hatte.

„Sondermaßnahme S“

Es war ein ehrgeiziges Programm, das als „Südtiroler Sonderaktion“ oder „Sondermaßnahme 'S'“ bezeichnet und somit als „staatspolitisch wichtiges Bauvorhaben“ eingestuft sowie in eine bestimmte Dringlichkeitsskala eingereiht wurde, wodurch vor allem die dafür erforderlichen Baustoffe und Arbeitskräfte zur Verfügung sichergestellt werden sollten. Diese Konditionen führten dazu, dass auch bereits geplante und z.T. schon in Ausführung begriffene Bauvorhaben in die „Sondermaßnahme“ aufgenommen wurden, damit sie beschleunigt fertig gestellt oder überhaupt zu Ende geführt werden konnten. Daher ist es nahezu unmöglich, „echte“ Umsiedlungsbauten von anderen zu unterscheiden, die in den Akten mehr oder weniger oft, aber keineswegs immer mit einem „Sonder“-Begriff etikettiert wurden. Außerdem konnten unter bestimmten Bedingungen zunächst auch sogenannte „Privatbauten für südtiroler Rückwanderer“ auf Antrag in die „Sonderaktion `S´“ aufgenommen werden, doch wurden innerhalb weniger Monate so viele diesbezügliche Anträge gestellt, dass diese Möglichkeit im März 1940 unterbunden wurde. Wie viele Privatbauten bis zu diesem Zeitpunkt in die Sondermaßnahme aufgenommen worden waren, ist leider nicht mehr feststellbar!

Der neue Stadtrand im Osten. Plan von Pradl mit eingezeichneten Südtiroler Siedlungen; 1940
Der neue Stadtrand im Osten. Plan von Pradl mit eingezeichneten Südtiroler Siedlungen; 1940

Für die Durchführung der „Sondermaßnahme Südtirol“ in der Gauhauptstadt Innsbruck wurden die städtische Baubehörde sowie die Wohnbaugesellschaft „Neue Heimat“ als Bauträger ausersehen. Bereits im August 1939 wurde der Umfang des Bauprogramms konkretisiert und der Innsbrucker Oberbürgermeister beauftragt, zunächst 600 Wohnungen durch die Stadtgemeinde zu errichten, in deren Eigentum die Wohnungen auch übergehen sollten. Damit bot sich für die Stadtverwaltung die Gelegenheit, bestehende Baulücken im Stadtteil Wilten an der Fischer- und Zollerstraße, im Ortsteil Pradl an der Lang- und Gumppstraße sowie bei der Pradler Kirche zu schließen; jene Grundstücke sollten schleunigst erworben werden, wobei eventuell auftauchende Probleme gegebenenfalls auch mit Androhung „auf Enteignung“ gelöst wurden.

Im Dezember 1939 erhielt die Stadtgemeinde den Auftrag, ihr Bauvolumen um weitere 1.000 Wohnungen zu erhöhen, die aber nur einen Teil der ersten Ausbaustufe des Südtiroler Bauprogramms für 1940 umfassten. Insgesamt sollten in diesem Jahr 2.808 Wohnungen in Innsbruck errichtet werden, die zwischen der Stadt Innsbruck und der „Neuen Heimat“ im Verhältnis 1 : 2,3 aufgeteilt wurden. In den geplanten Siedlungsanlagen sollten auch Kindergärten, Gemeinschafts- und Versorgungseinrichtungen, Gewerbebetriebe sowie „die notwendigen Erholungsstätten wie Cafes, Kneipen etc.“ mit eingeplant und außerdem noch die „Unterbringung der notwendigen Räumlichkeiten für die NSDAP, der Reichspost, der Polizei etc.“ berücksichtigt werden.

Kriegsschäden der Südtiroler Siedlung Spechbacher Straße 40.
Kriegsschäden der Südtiroler Siedlung Spechbacher Straße 40.

Arbeitskräftemangel und Material-Versorgungsprobleme führten im Laufe der Kriegsjahre jedoch dazu, dass das ambitionierte Wohnbauprogramm für Südtiroler UmsiedlerInnen nicht wie geplant durchgeführt werden konnte. Immerhin entstanden aber im Rahmen der „Sondermaßnahme S“ alleine in Tirol und Vorarlberg rund 7.240 neue Wohnungen, die in fast allen größeren Gemeinden noch heute als Südtiroler Siedlungen bekannt sind und vielfach das Stadtbild nachhaltig prägten. Alleine in Innsbruck entstanden damals mindestens 2.189 neue Wohnungen, das waren 45,1 Prozent aller im heutigen Bundesland Tirol errichteten Südtiroler Bauten,in denen zahlreiche UmsiedlerInnen ein neues Zuhause fanden; darüber hinaus gab es in den neuen Innsbrucker Wohnanlagen in Wilten, Pradl und in der Reichenau auch über 50 neue Geschäftslokale.

Für 1.337 Wohnungen (= 61,1 Prozent) in den Südtiroler Siedlungen Innsbrucks ergab eine Erhebung, dass 58,4 Prozent der ErstmieterInnen auch tatsächlich SüdtirolerInnen waren, 25,1 Prozent NichtumsiedlerInnen, 10,3 Prozent fungierten als sogenannte „Politische Leiter“, 0,3 Prozent waren als Bombengeschädigte oder schwer Kriegsversehrte eingestuft und für 5,9 Prozent lagen keine näheren Angaben vor.

Die ehemalige Südtiroler Siedlung Speckbacher Straße 40 im Herbst 2012
Die ehemalige Südtiroler Siedlung Speckbacher Straße 40 im Herbst 2012

Dem Sturz des faschistischen Systems in Italien und der Niederlage Hitlerdeutschlands haben es die SüdtirolerInnen zu verdanken, dass ihre Umsiedlung nicht mit jener Gründlichkeit zu Ende geführt werden konnte, wie dies bei anderen Umsiedlungsmaßnahmen im gleichen Zeitraum der Fall war. Seit Mitte 1943 verließen SüdtirolerInnen kaum mehr ihre alte Heimat und etwa zur gleichen Zeit wurden in Innsbruck auch die Wohnbauten vermehrt eingestellt, Arbeiter von Baustellen abgezogen und für vordringlichere Erfordernisse, wie etwa für Schutzbauten, eingesetzt. Gegen Ende des Jahres war an Wohnungsneubauten nicht mehr zu denken, denn die wenigen Bauarbeiter mussten immer häufiger für dringend notwendige Aufräumungs- und Instandsetzungsarbeiten bei mehr oder weniger stark beschädigten Gebäuden verwendet werden. Mitte Dezember 1943 erfolgte nämlich der erste von 22 Luftangriffen auf Innsbruck, bei denen insgesamt knapp 500 Menschen ums Leben kamen, doppelt so viele verletzt und mehrere Tausend Personen obdachlos wurden. Der Bombenhagel richtete Schäden in unterschiedlichem Ausmaß an rund 60 Prozent des Wohnungsbestandes an und verwandelte 2.568 der 25.793 Wohnungen, also knapp 10 Prozent, in Schutt und Asche – Bauten der Südtiroler Siedlungen waren ebenfalls darunter.

Heute erfreuen sich die meist umfassend renovierten und modernisierten Südtiroler Siedlungen großer Beliebtheit und gewähren ein hohes Maß an Komfort und Wohnqualität, die ihre BewohnerInnen zweifellos sehr zu schätzen wissen.

 

Aus dem Stadtarchiv:
Helmut Alexander