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Blick auf den Haupteingang des Städtischen Kindergartens Pradl, kurz nach der Fertigstellung 1928
Blick auf den Haupteingang des Städtischen Kindergartens Pradl, kurz nach der Fertigstellung 1928

Der städtische Kindergarten Pradl 1928-1932

Von Diphterie, Schürzen und Hundetheater

Vor sechs Jahren kam ein kleines Büchlein in den Besitz des Stadtarchivs. In diesem Tagebuch dokumentiert die damalige Leiterin Maria Mendl die Anfänge des städtischen Kindergartens Pradl, der 1928 nach Plänen von Architekten Theodor Prachensky errichtet wurde. Die Notizen beginnen mit der Schilderung der Eröffnung des Kindergartens am 6. Oktober 1928 und enden mitten im Jahr 1933, am 2. Feber. Über diesen Zeitraum von knapp 4 ½ Jahren beschreibt sie die Geschehnisse im Kindergarten.

 

Schuljahr 1928/29 

Die Einschreibung für das Schuljahr 1928/29 fand am 8. und 9. Oktober statt. Am 10. Oktober startete der Kindergartenbetrieb mit vier Gruppen. Für eine davon war Maria Mendl selbst zuständig. Die anderen Gruppen wurden von den provisorischen Kindergartenleiterinnen Martha Lechleitner, Emmy Thöny und Wilhelmine Nikodem übernommen.

 

Die Ausbildung der Kindergärtnerinnen scheint eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Immer wieder gibt es bei den personellen Einträgen Hinweise darauf. So absolvierte Maria Mendl den staatlichen Kindergärtnerinnenausbildungskurs in Brünn. Emmy Thöni und Martha Lechleitner besuchten den zweijährigen Ausbildungskurs bei den Ursulinen in Salzburg. Bei Wilhelmine Nikodem findet sich nur der Vermerk „privat, Innsbruck“.

Neben den vier Kindergärtnerinnen gab es vier geprüfte Kinderpflegerinnen. Zusätzlich verstärkt wurde das Team ab 22. Oktober 1928 durch zwei Praktikantinnen. Sie waren Schülerinnen der Barmherzigen Schwestern, Mutterhaus Innsbruck, die dem Kindergarten zugewiesen wurden.

 

Am 30. Oktober desselben Jahres wurde der Kindergarten wegen zahlreicher Diptherieerkrankungen geschlossen. Erst am 4. Dezember konnte er wieder geöffnet werden. Bereits im Feber 1929 musste der Kindergartenbetrieb erneut aufgrund einer Masernepidemie für zehn Tage eingestellt werden.

Nach der Wiedereröffnung fand am 12. Feber ein kleines Faschingsfest mit Jause statt. Wegen der sehr großen Kälte ­ minus 18 Grad ­ nahmen daran nur 36 Kinder teil. Am 14. Mai wurde mit allen Kindern ein ganztägiger Maiausflug zum Schloss Ambras unternommen. Man startete um 9 Uhr vormittags und kehrte um 16.00 Uhr wieder zurück. Das Schuljahr 1928/29 endete vorzeitig, da mehrere Kindergärtnerinnen an einer Tagung in München teilnahmen.

Innenhof des Städtischen Kindergartens Pradl, kurz nach der Fertigstellung 1928
Innenhof des Städtischen Kindergartens Pradl, kurz nach der Fertigstellung 1928

Schuljahr 1929/30

Am 4. September 1929 begann das neue Kindergartenjahr. Nachdem bereits am Anfang 156 Kinder angemeldet waren, musste eine fünfte Gruppe eingerichtet werden. Als neue provisorische städtische Mitarbeiterin wurde die geprüfte Kindergärtnerin Herta Wiedemann eingestellt. Sie hatte ihre Ausbildung bei den Barmherzigen Schwestern in Innsbruck erhalten. Im September folgten einige Personalrochaden. Dreimal in der Woche hospitierten zusätzlich 25 Schülerinnen des ersten Jahrgangs des Kindergärtnerausbildungskurses unter der Leitung von Frau Professor Billek im Kindergarten. Anfang Oktober wurde mit allen Kindern ein Ausflug auf die Oktobermesse gemacht, um mit dem Ringelspiel zu fahren. Im November musste der Kindergarten erneut wegen Diphterieerkrankungen der Kinder geschlossen werden. Diesmal dauerte die Sperre jedoch nur drei Tage.

Am 20. Dezember lautet der Eintrag: „Die Weihnachtsfeier fand am 20. Dezember statt. Erschienen waren Vizebürgermeister H. Untermüller und die Mütter der Kleinen. Die Kinder erhielten: Schürzen, 2 Gruppen Rucksäcke und kleine Autos, 3 Gruppen Eisenbahnen. Die Mädchen Puppe. Bäckerei, Zuckerwerk und Obst.

 

Am 3. Jänner 1930 wurde Wilhelmine Nikodem eine Montessori-Ausbildung in Rom bewilligt. Der Kurs dauerte von Ende Jänner bis 26. Juni. Nikodems Vertretung übernahm die Kindergartenanwärterin Antonie Trauschke. Der Faschingsdienstag wurde mit einem Kinderball und einer Jause gefeiert. Dieses Kindergartenjahr endete am 5. Juli 1930.

 

 

Schuljahr 1930/31

Im neuen Schuljahr 1930/31 erfolgte eine Spezifizierung der Gruppeneinteilung. Es wurden nun eine Montessori-Gruppe und eine Familiengruppe angeboten. Am 2. Oktober ging es wieder mit allen Kindern auf die Festwiese der Herbstmesse. Neben Karusselfahrten stand auch ein Besuch des Hundetheaters auf dem Programm.

Im ersten Halbjahr wurden einige Hospitantinnen eingestellt. Eine unentgeltliche Kinderpflegerin musste aufgrund ungebührlichen Benehmens vom Dienst enthoben werden.

Das Weihnachtsfest wurde im Kindergarten Pradl am 23. Dezember begangen. Als Geschenke für die Kinder gab es unter anderem weiße Schürzen, Autos, Puppen, Bürstchen und Klopfer.

Am 19. Jänner erkrankten alle Kindergärtnerinnen gleichzeitig an Grippe und der Kindergarten musste für vier Tage geschlossen werden. Anfang Feber gab es eine Hundetheateraufführung im Spielsaal des Kindergartens. Der Fasching wurde am 17. Feber mit Tanz und einer Jause gefeiert.

Ende Feber fand die Schlussprüfung „Kindergarten Praxis“ unter Anwesenheit von Hofrat Fritz, Bruder Wilram und Frau Professor Billek statt. Die beiden angetretenen Schülerinnen entsprachen mit der Note 2 und wurden daher im März zur Praxis zugelassen.

Am 14. April ist in einer Notiz zu lesen: „Leitern M. Mendl wurde zwecks Fortbildung vom 16. April bis 30. Mai nach Berlin Pestalozzi-Fröbelhaus entsandt“. Diese Einrichtung wurde von den Ideen der zwei Pädagoginnen Henriette Schrader-Breymann und Annette SchepelIn geprägt. Sie lehrten z. B. die damals innovative „Methode des Monats- oder Konzentrationsgegenstandes“. Im Mai absolvierten zwei Schülerinnen der Privatschule Rudolf in Bozen ein Praktikum. Der Pradler Kindergarten galt als Vorzeigeprojekt. So statteten im zweiten Kindergartenhalbjahr 14 Schülerinnen und zwei Lehrpersonen der Frauengewerbeschule Klagenfurt sowie Kindergärtnerinnen der Bildungsanstalt Retz dem Kindergarten einen Besuch ab.

Die Sommerferien starteten am 12. Juli.

Innenansicht Städtischer Kindergarten Pradl. Fotografie von Adalbert Defner, um 1930
Innenansicht Städtischer Kindergarten Pradl. Fotografie von Adalbert Defner, um 1930

Schuljahr 1931/32

Das Schuljahr 1931/32 begann am 16. September 1931. Erneut erfolgte eine Umstrukturierung. Eine zusätzliche Gruppe wurde nun als weitere Familiengruppe geführt. Durch die Verglasung der offenen Turnhalle und die Installation von Heizkörpern konnte ein neuer Raum geschaffen werden.

Die Weihnachtsbescherung fand am 22. Dezember statt. Die Kinder erhielten Schürzen, Kleiderstoffe, Strümpfe, Teeservice, Flieger, Obst, Backwerk und Süßigkeiten. Um Kohle und damit Heizkosten zu sparen, verlängerte man die Weihnachtsferien schlichtweg bis 7. Jänner 1932.

Die Aufzeichnungen Maria Mendls enden am 2. Feber 1932. Der letzte Eintrag berichtet über ein Praktikum von 28 Schülerinnen der Kindergärtnerinnenausbildungsanstalt unter der Leitung von Frau Professor Billek.

 

2015 besuchen 103 Kinder in fünf Gruppen den Kindergarten Pradl.

 

 

Aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck:

Mag.a Renate Ursprunger