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Luftaufnahme des Klärwerkes Rossau im Südosten der Stadt
Luftaufnahme des Klärwerkes Rossau im Südosten der Stadt

Kein feuchter Kehricht

Im 19. Jahrhundert veränderte sich der Umgang der städtischen Bevölkerung mit den Themen Schmutz und Abfall. Das touristisch erwachende Innsbruck versuchte seinem Image als "saubere“ Stadt gerecht zu werden und schuf sukzessive die Grundlagen für das heutige Müllmanagement.

aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum von Susanne Gurschler

Für den deutschen Dichter August von Kotzebue war Innsbruck eine Enttäuschung. Eine „schmutzige Stadt“, in der es „wenig Merkwürdiges zu beschauen“ gibt, konstatierte er in seinem 1805 veröffentlichten Reisebericht „Reise von Liefland nach Rom und Neapel“. Ein harsches Urteil, das allerdings auch auf andere Orte an der Nord-Süd-Achse zutraf. Sprachen die Menschen zur damaligen Zeit über Dreck und Sauberkeit, ging es ihnen primär um Geruchsbelästigung und Staubentwicklung. Den Müll kippten sie, salopp ausgedrückt, einfach vor die Tür. Das sollte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts ändern.
Innsbruck machte zwar keine Entwicklung zu einem Industriezentrum durch wie andere Städte, trotzdem stieg die Bevölkerungszahl rasch. Zudem entwickelte sich die Landeshauptstadt zu einem beliebten Reiseziel. Um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden, ging die Stadtverwaltung auch im Bereich des Müll- und Abfallmanagements neue Wege.
Die Infrastruktur ließ zu jener Zeit – speziell was die Hygiene anbelangte – zu wünschen übrig. Die Trinkwasserqualität in einigen Stadtteilen war schlecht, Sanitäranlagen waren entweder nicht vorhanden oder hoffnungslos veraltet. Plumpsklos, in denen gleich mehrere Personen ihre Notdurft verrichteten, waren keine Seltenheit.
Blieben die Winde aus, die von Reisenden schon in früheren Zeiten als maßgeblich für ein „sauberes Innsbruck“ galten, litten die Einwohner unter der Staubentwicklung und beschwerten sich über den Gestank aus den teils noch offenen Kanälen. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verstärkte die Stadtverwaltung ihre Bestrebungen, ein verbessertes Abwassersystem zu errichten. Ausschlaggebend dafür war nicht nur die Geruchsbelästigung. Es galt, Krankheiten einzudämmen und Epidemien zu verhindern.
Da man um die Gefahren wusste, die vor allem in verunreinigtem Wasser aus Ziehbrunnen lauerte, entstand 1873 die Idee, die gesamte Stadt mit Quellwasser zu versorgen. In den Jahren 1888 bis 1890 wurde eine Hochdruckleitung gebaut und die Quellen in Sammelstollen gefasst. Waren die Innsbruckerinnen und Innsbrucker zunächst skeptisch, genossen sie rasch die Vorzüge von Wasseranschlüssen in den Häusern. Die Straßen konnten nun mittels Hydranten gereinigt werden, was maßgeblich zur Sauberkeit der Stadt beitrug.

Bis zur Inbetriebnahme der Kläranlage Rossau 1969 flossen die Abwässer in den Inn.
Bis zur Inbetriebnahme der Kläranlage Rossau 1969 flossen die Abwässer in den Inn.

Während Abwässer durch Abzugsrinnen, sogenannte Ritschen, flossen, wurden Fäkalien in Abtrittgruben gesammelt und halbjährlich entleert. Das entsprach nicht mehr den Ansprüchen einer modernen Gesellschaft. Ab 1880 standen pneumatische Apparate für die Entleerung der Latrinen zur Verfügung, was die Geruchs- und Lärmbelästigung reduzierte. Zehn Jahre lang entstanden erste Pläne für eine zeitgemäße Kanalisation.
1899 begannen die Arbeiten an einer Schwemmkanalisation, mit der alle Schmutz- und Regenwässer entsorgt werden konnten. Die Kosten für die Maßnahmen waren hoch, das Projekt zog sich in die Länge. Zudem forderte eine Verordnung, alle Häuser müssten an die Kanalisation angeschlossen werden. Um die Bevölkerung zu unterstützen, gewährte die Stadt zinslose Darlehen.
1907 war es schließlich soweit: Die am rechten Innufer gelegenen Liegenschaften einschließlich Wilten hatten Anschluss an die öffentliche Kanalisation. Das linke Innufer und die Reichenau folgten erst in den 1950-er Jahren. Die bis dahin praktizierte Ableitung der Abwässer in den Inn galt längst als problematisch: 1969 wurde die Kläranlage in der Rossau ihrer Bestimmung übergeben.
Unrat und Kehricht mussten die Einwohner im 19. Jahrhundert so bereitstellen, dass die städtischen Bediensteten sie mit ihren Handkarren auflesen konnten. In den 1880-er Jahren kam es zu einer grundlegenden Reorganisation der „Müllabfuhr“. „Das Kehricht und die festen Küchenreste sollen in Zukunft nicht mehr abends auf die Straße gelegt werden, sondern sind im Hause in Tonnen aufzubewahren, bis sie (…) von einem Kehrichtwagen abgeholt werden (…)“, stand am 16. März 1883 im „Bote für Tirol und Vorarlberg“. 1913 schrieb die Stadt schließlich einheitliche Gefäße zur Aufbewahrung des Abfalls vor und informierte die Haushalte, was darin entsorgt werden darf und was nicht.

An die Gemeinde gelieferter Kehrichtwagen „Zug System Ochsner“ (1920–30).
An die Gemeinde gelieferter Kehrichtwagen „Zug System Ochsner“ (1920–30).

Mit der Einführung der Kehrichtwägen war auch die Entsorgung des Unrats im Inn Geschichte. Der trockene Abfall kam nun in eigene Lager im Osten und im Westen der Stadt, 1945 ging die Mülldeponie Rossau in Betrieb, 1975/76 die im Ahrntal.
Die aufwendigen Modernisierungen in den Bereichen Wasser- und Abfallwirtschaft machten die Stadt für die Einwohnerinnen und Einwohner lebenswerter, angenehmer, gesünder und – auch für Gäste – attraktiver. So warb das Innsbrucker Reisebüro Huber 1908 nicht nur mit der großartigen Lage der Stadt, dem gemäßigten Klima und der sauberen Luft, es warb auch mit der Infrastruktur: „ausgezeichnete Hochquellen – Trinkwasser, Tief-Kanalisierung. Mit allen sanitären Einrichtungen versehen“.