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Das Letzte im Leben

Eine Ausstellung zu Sterben und Trauer 1765-2015

Bis heute erinnern die Prunkräume der Innsbrucker Hofburg an den Tod von Kaiser Franz Stephan von Lothringen, der dort 1765 plötzlich verstarb. Nach dessen Tod ließ seine Witwe Maria Theresia die repräsentativen Räume der Residenz zu einer Gedenkstätte umbauen. Im 250. Todesjahr bringt eine Ausstellung den aufwendigen Totenkult der Habsburger ins Gedächtnis zurück und sie vergegenwärtigt unseren eigenen Umgang mit Trauer und Sterben.

Die Objekte der Ausstellung erzählen Geschichten über die Furcht vor dem Tod, über das Sterben vor der Zeit. Ganz neue Sterberituale sind thematisiert, der Wunsch nach einem leichten Tod wird sichtbar. Die Ausstellung zeigt, wie die Erinnerung an die Toten aufrechterhalten wurde und sie konfrontiert uns damit, dass der Tod wohl unvorstellbar und dennoch allgegenwärtig bleibt.

Zu sehen sind Gebrauchs- wie Brauchtumsgegenstände, Kostbarkeiten, künstlerische Arbeiten oder auch Filmisches. Stimmen aus dem Jenseits kommen zu Gehör. Die Leihgaben stammen aus bedeutenden österreichischen und internationalen Sammlungen.

So sind mehr als 100 Schädel zu sehen, die aus verschiedenen Tiroler Beinhäusern stammen. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam diese alte Form der Bestattung sozusagen aus der Mode. Damals erinnerten die Knochen der Toten die Lebenden beim regelmäßigen Kirchgang immer auch an die eigene Vergänglichkeit.

Auch so genannte Betrachtungssärglein zeigt die Schau. Sie stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die Särge lassen sich öffnen, darin befinden sich kleine Skelette oder die Miniaturen verwesender Leichname. Sie dienten einst der Betrachtung des Todes und sollten deutlich machen, daß das physische Leben nur einen kurzen Übergang bedeutet. Im Detail fast wissenschaftlich genau, sind sie zugleich grausig und faszinierend.

Nun unterliegen traditionelle und christlich geprägte Vorstellungen vom Jenseits großen Veränderungen. Der Tod wird heute auch als Schlußakkord eines gelebten Lebens behandelt: die Asche des Bergsteigers verstreut auf der Alm, die der Seglerin über dem See. Expertinnen und Fachleute, Bestatterinnen und Mediziner, trauernde Menschen unterschiedlicher Generationen sprechen in der Ausstellung über aktuelle Formen und Fragen des Abschieds.

Welche Vorstellungen machen wir uns von einem guten Tod? Wir wissen von Maria Theresia, dass sie kaum mehr wagte einzuschlafen, als sie ihren Tod herannahen fühlte. Zu groß war die Angst, unvorbereitet gehen zu müssen. Ein Mensch der Gegenwart dürfte sich wohl nicht allzu selten genau das Gegenteil wünschen, nämlich schnell und im Schlaf sterben zu können. In diesem Teil der Ausstellung läßt sich der Wandel nachvollziehen.

Die Künstlerin Julia Gutweniger konnte, unterstützt von der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft, ein Projekt im Hospiz durchführen. Sie bat Patientinnen und Patienten, ein leeres Heft zur Hand zu nehmen und festzuhalten, was sie in diesen letzten Lebenstagen fixieren mögen, sei es ein spontanes Gefühl oder auch Beobachtungen des Alltags, der an Bedeutung zunimmt oder unwichtig geworden ist, oder auch eine Nachricht an die, die noch bleiben werden. In der Ausstellung lässt sich in den Heften nachlesen und über die eigene Wahrnehmung von dem, was im Leben das Letzte sein mag, reflektieren und nicht zuletzt über die große Wichtigkeit der Toten für das Leben nachdenken.

Ein berührendes Kapitel der Ausstellung widmet sich dem immer allzu frühen Tod eines Kindes. Gezeigt wird die einstige Allgegenwart der Kindersterblichkeit und die Formen, diesen Verlust nach außen zu tragen und die Trauer zu teilen. Der Verlust eines Kindes berührt jede und jeden, über die Barrieren der Anonymität hinweg, gilt als Inbegriff der Unmöglichkeit, den Tod je zu verstehen und zu fassen.

Unsere Toten verschwinden nicht, die Erinnerung an sie ist wesentlicher Teil unserer persönlichen und der Geschichte unserer Kultur. Ein großer Schaukasten ist hier einer bürgerlichen Familie in Innsbruck gewidmet, deren Generationen sich bis ins Jahr 1578 zurückverfolgen lassen. Die „letzten Dinge“ der Familie wurden von einem Familienmitglied ausgewählt und kommentiert. Der Umgang mit persönlichen Gegenständen hält die Beziehung zu den Toten lebendig.

Die Ausstellung geht nahe, sie berührt und bringt doch das Publikum auch zum Schmunzeln, etwa in Sketches, die sich der schweren Inhalte mit gebotener Ironie annehmen. Und wir wissen wohl: Humor stellt sich nur ein, wenn ein Thema berührt. Man mag über den Tod lachen, doch nie aus Respektlosigkeit, sondern um keine falsche Pietät aufkommen zu lassen.

Wichtige Fragen ziehen sich durch die Räume der Hofburg. Wie bleibt Erinnerung bestehen, über die Zeit der Trauer hinaus? Wie verbinden sich Dinge mit der Erinnerung an einen Menschen? Wie teilen wir unsere Trauer auch ohne althergebrachte Rituale? Welche Verantwortung erreicht uns für das eigenen Sterben, den Abschied von unseren Nächsten und ganz allgemein das Sterben in einer Gesellschaft, deren technologische Fortschritte ein ausgedehntes Leben ermöglicht? Wer begleitet unser künftiges Sterben?

Die große Frage bleibt: Wie läßt sich das Letzte im Leben in Zukunft als ein offenes und freies Thema, angstfrei und vertrauensvoll, ansprechen? 

Aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum:
Brigitte Felderer

Das Letzte im Leben

Eine Ausstellung zu Sterben und Trauer 1965-2015

Die Ausstellung verdankt sich einer Kooperation der Burghauptmannschaft Österreich mit den Tiroler Landesmuseen und der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft. Sie ist bis 10. Jänner 2016 in der Innsbrucker Hofburg zu sehen.

Öffnungszeiten:
täglich 09:00 bis 17:00 Uhr
bis Ende August: mittwochs 09:00 bis 19:00 Uhr

Informationen zum vielfältigen Begleitprogramm finden Sie unter www.hofburg-innsbruck.at