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Die Mühlenbelegschaft vor der Werksbahn um 1908. Der Triebwagen steht vor der Einfahrt der ehemaligen Rauchmühle in Mühlau.
Die Mühlenbelegschaft vor der Werksbahn um 1908. Der Triebwagen steht vor der Einfahrt der ehemaligen Rauchmühle in Mühlau.

80 Kilogramm geschultert

von Susanne Gurschler

Technische Neuerungen und zunehmende Automatisierung veränderten die Arbeitswelt nachhaltig. Ein Blick auf die Arbeitsbedingungen früher und heute am Beispiel der Rauchmühle in Mühlau. 

Diese Arbeit war nur etwas für „Kraftflackl“. Und gleich zwei solche brauchte es bei jeder Fuhre. Wenn die Lastwagen in frühen Jahren von der Rauchmühle an der Hallerstraße starteten, um Mehl in alle Ecken Tirols zu liefern, saßen neben dem Fahrer zwei kräftige Burschen. Sie schulterten die wuchtigen 80-Kilo-Säcke Mehl und trugen diese ins Lager der Dorfbäckereien.
Unvorstellbar heute, dass jemand jeden Tag derartige Lasten trägt. Dank technischer Innovationen und vieler Verbesserungen in Bezug auf die Sicherheit am Arbeitsplatz haben sich Arbeitsabläufe in den meisten Betrieben extrem verändert. Am Beispiel der traditionsreichen Rauchmühle in Innsbruck zeigt sich, wie technische Neuerungen die Arbeitsverhältnisse verbesserten – viele Tätigkeiten aber auch überflüssig machten.
Anton Rauch, Seniorchef des Familienunternehmens, erinnert sich an einen Träger, der, als die 80-Kilo-Säcke auf 50 Kilo reduziert wurden, stets zwei Säcke schulterte. Heute gibt es nur noch 30-Kilo-Säcke: Der Großteil des Mehls wird lose in Tanks verladen und in den Großbäckereien per Luftdruck in Silos gefüllt. Kein Schleppen mehr und kein Mehlstaub, der die Lungen belastet, keine Verunreinigungen der Ware beim Abfüllen, wegen undichter Säcke oder beim Transport.

Mehltransport 1925: 80 Kilogramm wogen früher die Mehlsäcke. Nur kräftige Männer konnten diese schwere Last tragen. Zwei waren bei einer Fuhre dabei.
Mehltransport 1925: 80 Kilogramm wogen früher die Mehlsäcke. Nur kräftige Männer konnten diese schwere Last tragen. Zwei waren bei einer Fuhre dabei.

Die Anfänge der Rauchmühle

Gegründet wurde die Rauchmühle 1831 von Anton Rauch, der aus dem Oberland nach in das Dorf bei Innsbruck gezogen war. Er war nicht nur Müller, sondern zudem Getreidehändler. Er und seine Nachfahren bauten das Unternehmen sukzessive zu einer Großmühle aus, die stets auf dem neuesten Stand der Technik war. 1908 erfolgte die Vollautomation des Werkes, was viele Arbeitsschritte, vom Mahlen des Getreides bis zum Befüllen der Säcke, rationalisierte und vereinfachte. 1919 errichteten die Söhne von Leopold Rauch die Mühle am heutigen Standort an der Hallerstraße.

Mit gutem Beispiel voran

„Das erste, was ein Müllerlehrling früher lernte, war, wie man einen Mehlsack richtig zubindet", erinnert sich Seniorchef Anton Rauch, der kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs in das Familienunternehmen einstieg: „Mit einer Hand faltete er das obere Ende zu einem Schopf, 'Bürste' genannt, mit der anderen wickelte er das Band drumherum." Für alle Mitarbeiter galt die 48-Stunden-Woche – auch für Anton Rauch selbst. „Ich wollte nicht die Leute für das Zuspätkommen kritisieren, sondern selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Das hat die Pünktlichkeit der anderen sehr beeinflusst", schmunzelt der Seniorchef.

Mehlabsackung: Noch in den 1950-er Jahren wurde Mehl in 80-kg-Jutesäcke abgepackt, heute wird der Großteil lose in Tanks gefüllt
Mehlabsackung: Noch in den 1950-er Jahren wurde Mehl in 80-kg-Jutesäcke abgepackt, heute wird der Großteil lose in Tanks gefüllt

Das Tätigkeitsfeld damals und heute

Heute kontrollieren die Müller die technischen Abläufe an den Maschinen, bedienen Laborgeräte oder machen Teigproben. Sämtliche Mitarbeiter müssen fundiertes Wissen mitbringen, beziehungsweise eingehend geschult werden, damit sie die Geräte richtig bedienen können. „Selbst Gabelstapelfahrer brauchen eine Schulung und ein entsprechendes Zertifikat, um ihre Arbeit durchzuführen", erzählt Anton Rauch. Sämtliche Abläufe seien hoch technisiert, die Maschinen komplexer aber auch sicherer geworden.
Noch vor 50 Jahren wurden alle Maschinen mit Lederriemen über sogenannte Transmission angetrieben. Diese Riemen aufzulegen, war enorm gefährlich. Zudem war der Riemenantrieb sehr störungsanfällig und benötigte entsprechende Wartung. Die Maschinenlager wiederum bestanden aus Gusseisen, sie mussten regelmäßig geölt werden, damit sie nicht „heiß liefen". „Es gab einen Mitarbeiter, der nichts anderes tat, als durch die Werkhallen zu gehen, die Maschinenlager zu überprüfen und eventuell nachzuölen", erzählt Anton Rauch. 

Transport: Bis in die 1950-er Jahre wurden Ochsen für den Vorschub der Eisenbahnwaggons verwendet. Eine äußerst gefährliche Tätigkeit für Mensch und Tier.
Transport: Bis in die 1950-er Jahre wurden Ochsen für den Vorschub der Eisenbahnwaggons verwendet. Eine äußerst gefährliche Tätigkeit für Mensch und Tier.

Technik statt „Kraftlackl“

Noch in den 1970-er Jahren verfügte die Rauchmühle über eine eigene Werkstatt und eine Schlosserei. Die Handwerker führten sämtliche Wartungsarbeiten und Reparaturen an den Geräten durch. Heute hat jede Maschine einen Elektromotor, an die Stelle der Maschinenlager aus Gusseisen sind Kugellager getreten und die brauchen keine kontinuierliche Pflege mehr. Die meisten Wartungsarbeiten werden von einer externen Firma durchgeführt. Die zunehmende Automatisierung von Arbeitsabläufen hat die Zahl der Mitarbeiter schrumpfen lassen. Waren allein im Magazin früher 20 Leute beschäftigt, so reichen heute fünf, um die anfallenden Arbeiten zu erledigen – den Rest machen Maschinen und Computer.
So wird die Temperatur in den Getreidesilos längst über eine Sonde automatisch gemessen und der jeweilige Wert am Computer gespeichert. Davor erfolgten diese Messungen händisch – weswegen es damals noch Flachlager für das Getreide gab. „Der Mitarbeiter musste an mehreren Stellen überprüfen, ob die Temperatur im Flachlager passt", so der Seniorchef der Rauchmühle.
Rund 30 Beschäftigte erledigen heute in der Rauchmühle alles, wofür es noch in den 1960-er Jahren 100 Mitarbeiter brauchte. Und wofür vor Jahrzehnten zwei kräftige Männer und ein Fahrer nötig waren, das macht heute einer mit wenigen, schnellen Handgriffen: Der Tank des Lastwagens wird in der Mühle über ein Rohr mit dem Mehl befüllt, in der Großbäckerei auf dieselbe Weise dann das Silo. Das Mehl ist geschützt vor Verunreinigungen, die Kräfte des Fahrers bleiben geschont – er muss kein „Kraftlackl“ sein.