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Die Fahrradclubs nahmen am gesellschaftlichen Leben teil. Auf dem Bild die „Rad- und Rennfahrer Vereinigung Tirol“ bei einer Prozession 1909
Die Fahrradclubs nahmen am gesellschaftlichen Leben teil. Auf dem Bild die „Rad- und Rennfahrer Vereinigung Tirol“ bei einer Prozession 1909

Achtung, ein Velocipedist!

Anfangs waren Radfahrer nicht gern gesehen auf Innsbrucks Straßen, so mancher Streitpunkt erinnert gar an Diskussionen heute. Für Frauen ermöglichte der Radsport wichtige emanzipatorische Schritte.

Als in den 1860-er Jahren die ersten Velocipedisten, wie Radfahrer damals hießen, in Innsbruck ihre Runden drehten, war das einen Zeitungsbericht wert. „Auch Innsbruck hat endlich die vielbesprochenen Velocipeds erblickt. Am Samstag versuchten sich einige Herren mit mehreren von Herrn Peterlongo bestellten Velocipeds in dem Hausflur des Lindner’schen Hauses und wagten sich auch auf die Straße hinaus. Diese Versuche sollen von keinem großen Erfolg gekrönt gewesen sein. Gestern mittags kam ein Herr von Bozen mit einem Velociped hieher gereist, und lenkte in einem kühnen Bogen in die Sonne ein“, stand am 26. April 1869 in den „Innsbrucker Nachrichten“ zu lesen.

Die neuen Gefährte stießen bei der Bevölkerung zunächst auf Skepsis und waren auf den Straßen nicht gern gesehen. Fuhrwerker rempelten sie an, Kutscher schnitten ihnen den Weg ab. Dazu kam, dass die „Velociped-Ritter“ mit „ihren Schlangenlinien die Gegend unsicher“ machten, wie ebenfalls in den Innsbrucker Nachrichten wenige Monate später zu lesen war mit der Mahnung: „Möchten doch die Freunde dieses Sports etwas weniger belebte Stadttheile zum Tummelplatz machen.“

Auf alle Fälle dürften sich einige dramatische Szenen auf Innsbrucks Straßen abgespielt haben: Ein Unfall mit Todesfolge führte schließlich dazu, dass die Stadtverwaltung 1869 ein Fahrverbot für Fahrräder verhängte, das sieben Jahre hielt. 1883 gründete sich mit „Bicycle“ der erste Radfahrerverein in Innsbruck. Gleich im ersten Jahr seines Bestehens organisierte der Club ein Radrennen, das vom Bergisel zum Gasthaus Schupfen an der Brennerstraße führte. Für die rund vier Kilometer brauchte der Sieger zehn Minuten. Zahlreiche Schaulustige standen entlang der Route und beobachteten das Spektakel.

Zum sportlichen Kräftemessen auf kurzen Strecken kamen rasch Langstreckenfahrten. Velocipedisten fuhren von Innsbruck nach Bozen, von Wien nach Berlin. 1895 beehrte gar ein „fürstlicher Radfahrer“ Innsbruck: Prinz Alfons von Bayern. Dieser sei, ebenso wie seine Gemahlin ein ausgezeichneter Radfahrer, vermeldeten die Innsbrucker Nachrichten.

1896 wurde nahe des Bahnviadukts eine Radrennbahn eröffnet. Hier fanden zahlreiche auch internationale Wettkämpfe statt. 1901 wurde sie aufgelassen.
1896 wurde nahe des Bahnviadukts eine Radrennbahn eröffnet. Hier fanden zahlreiche auch internationale Wettkämpfe statt. 1901 wurde sie aufgelassen.

Rasch entstanden weitere Vereine in Innsbruck und in anderen Städten in Tirols. Die Clubrennen waren gesellschaftliche Ereignisse, die Tausende Besucher anlockten. 1892 gab es erste Bestrebungen, die zahlreichen Tiroler Radfahrerclubs unter einem Dach zu vereinen. 1894 wurde schließlich der Tiroler Radfahrerverband gegründet, im Jahr darauf hatte dieser schon 16 Mitgliedsvereine hatte. 1895 brachte Heinrich Bederlunger, Vorstandsmitglied des Verbandes das erste Tourenbuch für Tirol und Vorarlberg heraus, dazu kam eine Radsportzeitung, die drei Mal monatlich erschien.

Den weiteren Aufschwung des Sports beförderten insbesondere zwei Ausstellungen. Bei der Tiroler Landesausstellung 1893 spielte Sport zwar keine große Rolle, doch wurde im Rahmen einer Sonderschau die Geschichte des Fahrrades präsentiert und im Rahmenprogramm fand ein Radrennen mit internationaler Beteiligung statt.

Bei der „Internationalen Ausstellung für körperliche Erziehung, Gesundheitspflege und Sport“ 1896 war der Radsport dann zentrales Thema. Als Höhepunkt wurde die lange geforderte Radrennbahn eröffnet, die binnen vier Monaten im Saggen neben dem Eisenbahnviadukt errichtet worden war.

Sie hatte die Form einer Ellipse, war 400 Meter lang, sechs Meter breit und mit einer Zementauflage versehen – eine Sensation neben dem ebenfalls als Publikumsmagnet errichteten Panorama der Schlacht am Bergisel. Panoramenmaler Michael Zeno Diemer, ein begeisterter Radfahrer, hatte die Strecke München Innsbruck mehrere Male mit dem Drahtesel zurückgelegt, um sich in Innsbruck vom Fortschritt bei den Arbeiten an „seinem“ Riesenrundgemälde zu überzeugen.

Der Münchner Panoramenmaler Michael Zeno Diemer gestaltete das Plakatsujet, auf dem eine junge Frau mit ihrem Schlumprecht-Rad vorneweg ist.
Der Münchner Panoramenmaler Michael Zeno Diemer gestaltete das Plakatsujet, auf dem eine junge Frau mit ihrem Schlumprecht-Rad vorneweg ist.

Diemer gestaltete zudem das Plakatsujet für die Innsbrucker Firma Schlumprecht, die bei der Ausstellung 1896 die Goldmedaille für ihre Fahrräder erhielt. Es zeigt eine Frau mit wehenden Haaren, die auf ihrem Schlumprecht-Rad erschöpften Männern davonfährt. Der Radsport kann als wichtiger Wegbereiter für den Frauensport und die Emanzipation der Frauen betrachtet werden. Namhafte Ärzte propagierten, gerade für Frauen sei Bewegung auf dem Rad förderlich und zu begrüßen.

Der 1889 gegründete Radverein „Union Innsbruck“ öffnete sich früh für weibliche Mitglieder, ein eigener Damenclub kam allerdings nicht zustande. Trotzdem: Das am 12. April 1898 auf der Rennbahn in Innsbruck erstmals ausgetragene Frauenrennen kann „als Startpunkt des Frauenwettkampfsports in Tirol angesehen werden“, wie Karl Graf in seinem Buch „Tiroler Sportgeschichte“ (Haymon-Verlag 1996) schreibt. Sieben Fahrerinnen standen am Start, die Siegerin absolvierte die englische Meile (1609 Meter) in 3:10 Minuten.

Im Straßenverkehr galten Radfahrer und -fahrerinnen nach wie vor als Störenfriede. Radfahrverordnungen verweisen darauf, dass es immer wieder zu Konflikten mit den anderen Nutzern des öffentlichen Raums kam. So manche Vorschrift zeigt bestechende Aktualität. So heißt es in der Radfahrverordnung vom Mai 1896 unter Punkt 4: „Das Befahren von Trottoirs, von Fußwegen und Randsteinen, sowie das Befahren von Thorwegen ist verboten.“