Logo Innsbruck informiert
Diese Aufnahme aus der Bauphase zeigt den bereits fortgeschrittenen Hotelbau (links) und den  probeweisen Wassereinlass.
Diese Aufnahme aus der Bauphase zeigt den bereits fortgeschrittenen Hotelbau (links) und den probeweisen Wassereinlass.

Die Hungerburgsee-Anlage

Ein Großprojekt aus den Pioniertagen des Innsbrucker Fremdenverkehrs

von Matthias Egger

Ein Spätsommertag im Jahre 1911. Der Innsbrucker Kaufmann Franz Schwärzler, der zu dieser Zeit bereits seit einigen Jahren auf der Hungerburg wohnte, begleitete „mehrere Knaben zu einem Scheibenschießen“ in den nahegelegenen ehemaligen Spörr’schen Steinbruch: „Als ich mich so in dieser Felsenarena befand und sah, daß dieselbe nahezu ein geschlossenes Bassin bildete, kam mir unwillkürlich der Gedanke, daß sich dasselbe für einen kleinen Bergsee wunderbar eignen müßte, wenn die schmale Einfahrt, welche die einzige Öffnung bildete, durch eine Betonmauer links und rechts an den Felsen gebunden würde.“ Gemeinsam mit seinem Bruder Karl, der durch eine Erfindung zu einem ansehnlichen Vermögen gekommen war, spann Franz Schwärzler diese Idee fort und binnen kürzester Zeit nahmen ihre Pläne konkrete Formen an. Demnach sollte es nicht bei der Errichtung eines künstlichen Badesees bleiben, sondern auch ein Hotel im Tiroler Stil, ein Wiener Kaffeehaus und eine Waldschenke sowie ein mittelalterlich anmutender Aussichtsturm, inklusive eines elektrischen Aufzuges, zur Ausführung gelangen. 

Von Rückschlägen und Erfolgen

Nachdem die beiden Brüder den Steinbruch erworben hatten und auch der Höttinger Gemeinderat im November 1911 seine Zustimmung zu diesem Projekt gab, begannen im Februar 1912 die Bauarbeiten, an denen u.a. die renommierte Innsbrucker Baufirma Riehl beteiligt war. Holz und Steine wurden teilweise direkt vor Ort entnommen, die restlichen Baumaterialien mit der Hungerburgbahn in unzähligen Sonderfahrten von der Stadt herauf und sodann per Fuhrwerk zur Baustelle transportiert. Ein künstlicher Zulauf von den Prantlschrofenquellen sorgte für die Wasserversorgung. Allerdings hatte man nicht bedacht, dass der Untergrund wasserdurchlässig war und so ging der Probeeinlass schief. Binnen kurzer Zeit war der See wieder trocken. Kurzerhand wurde der Untergrund ausbetoniert und das Problem war behoben.Trotz dieser Panne verstrichen lediglich 6 Monate zwischen dem Spatenstich und der Fertigstellung der gesamten Anlage. Die Baukosten beliefen sich auf rund 350.000 Kronen – das entspricht rund 1,8 Millionen Euro.

Auf dieser Aufnahme aus dem Frühjahr 1912 sind die Bauarbeiten  am Turm, der Aussichtsterrasse oberhalb der Felsenwand und dem Stollen gut zu erkennen.
Auf dieser Aufnahme aus dem Frühjahr 1912 sind die Bauarbeiten am Turm, der Aussichtsterrasse oberhalb der Felsenwand und dem Stollen gut zu erkennen.

Anziehungskraft bis nach Übersee

Zur feierlichen Eröffnung am 04. August 1912 hatten sich zahlreiche Vertreter aus Politik, Verwaltung und Wirtschaftauf der Hungerburg eingefunden, darunter der k.k. Statthalter in Tirol, Markus Freiherr von Spiegelfeld und der Bürgermeister von Innsbruck, Wilhelm Greil. In seiner Ansprache hob erster die wirtschaftliche Bedeutung der Hungerburgsee-Anlage für Innsbruck bzw. ganz Nordtirol hervor, „da dieses wenige Punkte habe, die von dauernder Anziehungskraft für den Fremdenverkehr sind.“ Ein Blick in das Gästebuch zeigt, dass die Hungerburgsee-Anlage durchaus eine beachtliche Anziehungskraft entwickelte. Aus allen Winkeln der Monarchie, aus den verschiedensten Ecken Europas, ja selbst aus Übersee fanden Reisende den Weg hierher. Der Standard, der ihnen im Seehof geboten wurde, orientierte sich ganz an jenem der vornehmen Hotels in den Dolomiten. Das verdeutlicht nicht nur die ebenso moderne wie exklusive Ausstattung, sondern auch die Getränkekarte, die nicht weniger als 25 Wein- und sechs Champagnersorten auswies.

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung fand am 4. August 1912 die Eröffnung der Hungerburg-Seeanlage statt. Die Aufnahme zeigt den k. k. Statthalter, Baron Spiegelfeld, (rechts, mit weißem, Anzug und Hut) bei seiner Ansprache.
Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung fand am 4. August 1912 die Eröffnung der Hungerburg-Seeanlage statt. Die Aufnahme zeigt den k. k. Statthalter, Baron Spiegelfeld, (rechts, mit weißem, Anzug und Hut) bei seiner Ansprache.

Freizeitparadies Hungerburgsee

In den Sommermonaten bot der rund 3500 m2 große See Gelegenheit dem Ruder- und Schwimmsport zu huldigen. Die Sonnenanbeter fanden im Gastgarten des Hotels reichlich Platz zum liegen und die Wanderer in der Waldschenke Gelegenheit sich zu stärken. Und vom Turm hatte man einen – in den Worten des Ehepaars Termant aus Pretoria – „splendidview“ auf die Stadt, das Inntal und die umliegende Bergwelt. Im Winter konnten sie, ebenso wie die Innsbrucker Bevölkerung, auf dem zugefrorenen See eislaufen oder die rund 1,5 km lange Rodelbahn „vom Fuße des Turmes bis zum Gramartbodenweg“ hinab sausen. Für die etwas ambitionierteren Rodler errichtete der Kurverein Hungerburg „vom Hotel ‚Hungerburgseehof‘ eine direkte Rodelverbindung zum Wege nach Mühlau“, sodass man direkt ins Tal abfahren konnte. Allerdings waren diesem mondänen Zauber nur zwei Jahre beschieden. 

Auf dieser zeitgenössischen Ansichtskarte ist die Hungerburgsee-Anlage in ihrer ganzen Pracht zu sehen. Links das Hotel mit dem Gastgarten, in der Mitte der 3.500m2 große See und der künstliche Wasserfall und rechts der Turm und die Aussichtsterrasse an seinem Fuße.
Auf dieser zeitgenössischen Ansichtskarte ist die Hungerburgsee-Anlage in ihrer ganzen Pracht zu sehen. Links das Hotel mit dem Gastgarten, in der Mitte der 3.500m2 große See und der künstliche Wasserfall und rechts der Turm und die Aussichtsterrasse an seinem Fuße.

Ein Name erinnert an die Vergangenheit

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs brach auch der Fremdenverkehr zusammen. Im Jahre 1919 musste die Witwe von Karl Schwärzler schließlich die Anlage verkaufen, womit für diese eine äußerst wechselhafte Geschichte begann. In der Zwischenkriegszeit nützen zuerst die Sozialdemokraten, sodann die „Vaterländische Front“ und nach dem „Anschluss“ schließlich die Nationalsozialisten den Seehof für ihre Zwecke. Zwischen 1943 und 1945 war in einem Raum des einstigen Hotelgebäudes eine Volkschule (1. bis 4. Klasse) untergebracht, ehe die Anlage nach dem Krieg in den Besitz der Arbeiterkammer überging. Heute ist der See längst verschwunden, der Aussichtsturm für die Öffentlichkeit gesperrt und die einstmals wohlproportionierten Formen des Hotelgebäudes durch mehrfache Um- und Erweiterungsbauten stark verändert. Nur der Name „Seehof“ ist geblieben, als Erinnerung an dieses Großprojekt aus den Pioniertagen des Innsbruck-Tourismus.