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Weide Sonnenburgplatz: Offene Kommunikation

Die Weide am Sonnenburgplatz muss aus Sicherheitsgründen gefällt werden.

Am 04. Februar wurde im Zuge einer städtischen Presseaussendung die aus Sicherheitsgründen notwendige Fällung der Weide in der Sonnenburgstraße mitgeteilt. Gegen diese Maßnahme hat sich die Initiative "Rettet den Sonnenburgplatz" gebildet. Um die Kommunikation zwischen dem zuständigen Stadtrat Mag. Gerhard Fritz und den Mitgliedern der Initiative für alle öffentlich zugänglich zu machen, werden die Schreiben von Stadtrat Fritz an die Initiativenmitglieder hier anonymisiert veröffentlicht.

 

11. Februar 2016:

 Sehr geehrteX XXX,

sehr geehrte Damen und Herren,

nach Rücksprache mit Amtsvorstand Ing. Klingler habe ich entschieden: Wir lassen die Weide vorläufig stehen, bis das angekündigte Gutachten von XXX (GutachterIn, Anm.) vorliegt und von uns geprüft werden konnte. Bis dann sehen wir von einer Fällung ab. Wir werden eine Entscheidung über das weitere Vorgehen nach der Prüfung dieses angekündigten Gutachtens und nach einem Gespräch mit der AnrainerInneninitiative treffen. Aber es geht schon um die ganz entscheidende Frage der Haftung nach § 1319 ABGB. Ich gehe davon aus, dass weder XXX (GutachterIn, Anm.) noch die AnrainelrInnen die Stadt schad- und klaglos halten, wenn wir den Baum stehen lassen und dann ein Unfall passiert. Das Gutachten wird daher auch von den JuristInnen unseres Amtes für Präsidialangelegenheiten zu prüfen sein, denn Sie werden verstehen, dass wir die Mitarbeiter des Grünanlagenamtes nicht dem Risiko aussetzen, wegen Fahrlässigkeit vor dem Strafrichter zu stehen (und die Äußerungen des XXX (GutachterIn, Anm.) auf die Frage, ob er den Baum auch stehen lassen würde, wenn er Amtsvorstand wäre, waren ja sehr viel sagend).

Wir weisen Sie vorsorglich darauf hin, dass es von erheblicher Bedeutung sein wird, ob XXX (GutachterIn, Anm.) die Weide auch im Kronenbereich untersucht hat (wo unsere Widerstandsbohrungen zeigen, dass sie schon völlig hohl ist), und wie er das Risiko hier einschätzt. Es geht ja nicht nur um die Standsicherheit des Baumes insgesamt, sondern auch um das Risiko, dass Äste abbrechen und herabfallen (etwa unter Windbelastung, wenn der Baum wieder belaubt ist, oder auch bei Schneelast).

XXX (GutachterIn, Anm.) stimmt ja mit uns überein (zumindest entnehme ich das der hp der Bezirksblätter), dass die Weide am Ende ihrer Lebensdauer ist. Da gebe ich Ihnen gleich zu bedenken: Wenn wir die Krone wieder zurückschneiden müssen, um Risiken zu minimieren, dann ist die Weide auch nicht mehr der Baum, der uns allen so ans Herz gewachsen ist. Überhaupt: Wenn die Weide vermutlich irgendwann in den nächsten Jahren endgültig tot ist: Könnte es dann nicht klüger sein, uns jetzt von ihr zu verabschieden und gleich eine neue zu pflanzen – die wäre dann in 5 Jahren schon deutlich größer und platzprägender als ein dann neu gesetzter Baum. Darüber sollten Sie auch nachdenken, und darüber müssen wir dann auch gemeinsam sprechen.

Wir müssen natürlich auch weitere Vorsichtsmaßnahmen prüfen, die allfällige Gefahren minimieren könnten, etwa eine Verkehrsführung des Kreisverkehrs unter Wegfall der bestehenden Stellplätze, damit mehr Abstand vom Brunnen und von der Weide gehalten wird

In Erwartung der baldigen Übermittelung des Gutachtens von XXX (GutachterIn, Anm.) freue ich mich schon auf einen ausführlichen Meinungs- und Ideenaustauch mit Ihnen (da kann ich dann gerne auch ganz kurzfristig einen Termin vereinbaren), und verbleibe

mit herzlichen Grüßen,

Gerhard Fritz

 

09. Februar 2016 - Schreiben 1:

Sehr geehrteX XXXXX,

natürlich lassen wir die Weide stehen, bis sie auch der von Ihnen beauftragte Sachverständige begutachtet hat. Amtsvorstand DI Klingler hat Ihnen ja auch schon die Protokolle der Widerstandsbohrung übermittelt, damit sich der Sachverständige ein Bild machen kann.

Ich danke Ihnen und Ihren MitstreiterInnen für den hartnäckigen Einsatz für diesen Baum. Ich kann Sie gut verstehen – der Platz ist wirklich einer der schönsten kleineren Plätze in Innsbruck (auch wenn er leider meist ziemlich verparkt ist), und mit der prägenden Weide ein Schmuckstück des gründerzeitlichen Wilten. Es tut uns allen sehr leid um diesen Baum. Aber er ist, wie aus den Unterlagen des Grünanlagenamts hervorgeht, die ich Ihnen schon vorige Woche übermittelt hatte, halt leider am Ende seiner Lebensdauer. Ein städtischer Platz ist kein günstiger Standort für eine Trauerweide, und irgendwann ist sie halt am Ende. Die Weide neigt sich nicht nur immer mehr (und sprengt schon die Pflanzgrube), sie ist so schwer von Fäule geschädigt, dass sie am Kronenansatz schon hohl und in 1 m Stammhöhe fast ganz hohl ist.

Da ich den Einsatz kenne, mit dem die Baumpfleger des Grünanlagenamtes unsere städtischen Bäume pflegen, weiß ich, dass sie nicht leichtfertig einen Baum opfern. Ich brauche, ehrlich gesagt, keinen Zweitgutachter, weil ich dem Sachverstand von DI Klingler und seinen Mitarbeitern vertraue und mich auf ihn verlasse. Die können nach Jahrzehnten Berufserfahrung schon beurteilen, ob ein Baum noch standsicher oder eine Gefährdung seines Umfelds ist. Letztlich ersuche ich Sie um Verständnis (und besprechen Sie das gern mit XXX): Unser Grünanlagenamt haftet nach § 1319 ABGB (der in der Rechtsprechung nicht nur auf „Bau“-Werke angewandt wurde und wird) für die Gefahren, die von dem von der Stadt gesetzten und gepflegten Baum ausgehen. Wir müssen im Notfall beweisen, dass wir mit aller gebotenen Sorgfalt erkennbare und erkannte Gefahren, die von diesem Baum als städtisches „Werk“ ausgehen, abgewendet haben. Nach den Befunden, die wir haben, würde AV DI Klingler wegen Fahrlässigkeit auch noch vor dem Strafrichter stehen, wenn ein Unfall passierte.

Aber natürlich warten wir noch, bis auch Ihr Sachverständiger seine fachliche Meinung abgegeben hat – ich bin mir nur sicher, er wird auch zu keinem für uns alle erfreulicheren Ergebnis kommen können.

An eine „Neugestaltung“ des Platzes (im Sinne einer Umgestaltung) denken wir nicht. Im Gegenteil, wir möchten „nur“ die Pflanzgrube samt Begrenzung reparieren und möglichst bald eine neue Trauerweide pflanzen, um die Identität dieses Platzes so gut wie möglich zu erhalten. Aber selbstverständlich bin ich gerne bereit, mit Ihnen allen zusammen zu kommen und Ihre Anregungen zu besprechen.

Bitte glauben Sie uns: wir haben den Baum jahrelang intensiv gepflegt und ständig kontrolliert, eben weil uns seine Erhaltung genauso wichtig war wie Ihnen. Aber jetzt geht es nicht mehr. Es kommt immer irgendwann der Zeitpunkt, wo man sich auch von einem sehr lieben Freund verabschieden muss.

Mit herzlichen Grüßen

Gerhard Fritz

 

Schreiben 2: 

 Sehr geehrteX XXXX,

auch Ihnen danke ich für Ihr Engagement. Einiges muss ich aber richtig stellen:

Wie ich schon in meinem Mail an XXXXX (s.o.) unterstrichen habe, halte ich ein externes Gutachten für nicht nötig oder sinnvoll. Amtsvorstand DI Klingler ist Gartenbauingenieur und Sachverständiger mit gut zwei Jahrzehnten Berufserfahrung. Wenn er mit seinem Team, alles auch Pfleger mit jahrelanger Erfahrung, nach einer eingehenden Befundung (inklusive Widerstandsbohrung) zum Ergebnis kommen, dass ein Baum nicht zu erhalten ist, dann verlasse ich mich darauf. (Der Landesumweltanwalt, den ich auch informiert habe, sieht das auch so.)

Dies umso mehr, als das Team des Grünanlagenamtes seit langem die über 25.000 städtischen Bäume hingebungsvoll pflegt. Jeder einzelne ist im Baumkataster digital dokumentiert, samt allen Pflegemaßnahmen: Es werden seit langem jedes Jahr mehr Bäume neu gepflanzt, als aus verschiedenen Gründen (meist Krankheit und Altersschwäche) entfernt werden müssen. Die städtischen Bäume werden jedes Jahr netto mehr. Ich kann Ihnen versichern, dass die Mitarbeiter nicht mit einem lustigen Holzfällerlied ausrücken, um einen Baum zu fällen, sondern das gar nicht gern tun – aber es ist halt manchmal nötig (über die schwierigen Lebensbedingungen städtischer Bäume ebenso wie über ein seit einiger Zeit eingeführtes neues Baumpflegekonzept haben wir auch in „Innsbruck informiert“ ausführlich berichtet). Ich kann Ihnen da gern Unterlagen zukommen lassen, wenn Sie möchten. Wir haben zum Schutz der öffentlichen Bäume auch ein Merkblatt entwickelt, das für alle Bau- und Grabungsfirmen verbindlich ist, die im Umfeld städtischer Bäume werkeln, um Beeinträchtigungen hintan zu halten. Wir setzen das bei Verstößen auch gnadenlos durch – wer fahrlässig einen Baum schädigt, bekommt eine Rechnung über einen (bei großen Bäumen) fünfstelligen Eurobetrag. Seither hat sich die „Arbeitsmoral“ spürbar verbessert. (Wie rücksichtsvoll z.B. die IKB in Dreiheiligen im Umfeld des Naturdenkmals Kastanie oder in der Innpromenade hinter der Uni gearbeitet hart, war vorbildlich.) (Ich lade sie auch ein, die in den letzten Jahren renovierten Grünanlagen – von der Promenade bei der Uni über den Gutshofpark in der Reichenau oder den Hutterer-Park im Saggen zu besuchen, um die Arbeit unseres Grünanlagenamtes schätzen zu lernen.)

Es ist richtig, dass die Weide am Sonnenburgplatz schon in ihrer Jugend exzessiv zurückgeschnitten wurde. Das war damals „Stand der Technik“  solche Radikalschnitte führen wir seit Jahre nicht mehr durch, weil sich herausgestellt hat, dass das die Bäume im Alter extrem schwächt. Eine Weide, die als junger Baum exzessiv zurückgeschnitten wurde, muss aber alle paar Jahre wieder radikal gekappt werden, weil die Äste an den ehemaligen Schnittstellen immer wieder abzubrechen tendieren. In diesem Sinn hat das städtische Gartenamt – vor Jahrzehnten – etwas „falsch gemacht‘“ (wie wir heute wissen), aber das lässt sich halt nicht mehr ungeschehen machen.

Wir sind auch nicht heimlich vorgegangen. Alle Fällungen städtischer Bäume werden mir vom Amt (mit Fotodokumentation des Zustands bzw. der Gründe) vorangekündigt, wir informieren darüber im voraus (etwa auf einer facebook-Baumschutz-Gruppe), und in der Regel auch mit Tafeln, die wir bei den betroffenen Bäumen aufstellen. Im Fall der Weide habe ich – weil mir die Bedeutung für das Stadtbild und für den Stadtteil sehrt bewusst war – auch eine Medienaussendung des Rathaus-Medienservice in Auftrag gegeben, die über die Begründung der unvermeidlichen Maßnahme ausführlich informiert hat (und auch diese hat die Initiative bekommen). Wir haben durch ausführliche Information über das - meiner Meinung nach – unvermeidbare Vorgehen ja geradezu erst die Initiative der AnrainerInnen hervorgerufen – und das bedaure ich überhaupt nicht, darüber bin ich froh, weil es zeigt, dass vielen BürgerInnen eben nicht egal ist, was in ihrem Stadtteil passiert, und weil wir so viele Menschen im voraus informieren können. Aber das wird nichts daran ändern, dass wohl auch der zugezogene Sachverständige zu keinem anderen Schluss kommen wird können. Wenn die Weide gefällt ist, werden wir sie auch nicht klammheimlich entfernen, sondern  eine Weile an Ort und Stelle liegen lassen, damit sich alle selbst überzeugen können, dass sie wirklich todkrank war bzw. ist. Ich denke, wir haben offen und transparent agiert, seit wir letzte Woche bei der letzten Kontrolle festgestellt haben, dass die Weide nicht mehr zu retten ist.

Es wird immer Menschen geben, denen das noch immer zu wenig ist. Ich bin niemandem böse, es ist ihr gutes Recht, unzufrieden zu sein. Ich meine nur, das Grünanlagenamt und die Stadtregierung hat sich da nichts vorzuwerfen 

Ich weiß, dass es viele gibt, die einfach nicht wahrhaben wollen, dass die liebgewonnene Weide nicht mehr da sein wird. Ich kann nur sagen: ich bin mit ihnen traurig. Aber auch städtische Bäume haben ein Ende ihrer Lebensdauer. Wenn dies erreicht ist, müssen wir handeln – da geht es dann auch um die Sicherheit und Unversehrtheit der Menschen.

Herzliche Grüße

Gerhard Fritz