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Insgesamt 22 Luftangriffe musste die Landeshauptstadt Innsbruck während des Zweiten Weltkrieges über sich ergehen lassen.
Insgesamt 22 Luftangriffe musste die Landeshauptstadt Innsbruck während des Zweiten Weltkrieges über sich ergehen lassen.

Als in Innsbruck die Sirenen heulten

Vor 75 Jahren begann für Innsbruck im Zweiten Weltkrieg die intensive Phase des Bombenkrieges. Zum Schutz vor Luftangriffen wurden in den Monaten zuvor zahlreiche Maßnahmen ergriffen.

von Michael Svehla

Die Innsbrucker Bevölkerung erlebte mit den beiden Luftangriffen auf ihre Heimatstadt im Dezember 1943 erstmals selbst und hautnah die Gräuel und Auswirkungen der Bomben. Sie blieb jedoch für die nächsten zehn Monate – mit Ausnahme eines Angriffes im Juni 1944 – von weiteren verschont. Diese relativ ruhige Periode wurde für verschiedene Schutz- und Evakuierungsmaßnahmen intensiv genutzt. Das war auch gut so, denn mit dem vierten Angriff am 20. Oktober 1944 begann die eigentliche und intensive Bombardierung Innsbrucks: Nicht weniger als 19 Luftanschläge erfolgten innerhalb der nächsten sieben Monate, insgesamt 97 Fliegeralarme zwangen die Bevölkerung zu jeder Tages- und Nachtzeit und oft über Stunden in die Luftschutzkeller und Stollen.
Zu den bedeutsamsten Maßnahmen zählten die Evakuierung von Kindern, der Schutz der Bevölkerung und die Sicherung historischer Denkmäler.

Kinderlandverschickung

Ab Anfang Februar 1944 wurden die SchülerInnen der Jahrgänge 1926/27 bis 1933/34 klassenweise in möglichst luftschutzsichere Orte Tirols verlegt. Sie verblieben dort zumeist bis kurz vor Kriegsende. Betroffen von dieser Maßnahme waren alle Kinder von der vierten Volksschulklasse bis zu den sechsten und siebten Klassen der Mittelschule. Als Unterkünfte dienten Gasthäuser, Hotels und Pensionen. Neben den ersten bis dritten Klassen aller Volksschulen – diese Kinder waren noch zu klein und unselbstständig – mussten auch die SchülerInnen der Staatsgewerbeschule und Fachschulen in der Stadt ausharren. Letztere wurden aufgrund ihres praktischen Fachwissens häufig zu Aufräumungsarbeiten nach den Bombenangriffen hinzugezogen.

Sicherung von Denkmälern

Für besonders bedeutende Denkmäler wurden spezielle Schutzmaßnahmen ergriffen. Das Grabmal Kaiser Maximilians I. in der Innsbrucker Hofkirche erhielt eine Holzverschalung und eine eng daran anliegende Ziegelmauer, die zwischen 70 und 150 Zentimeter dick war. Die „Schwarzen Mander“ wurden in einer einzigartigen Rettungsaktion in einen Felsenkeller der Brauerei Kundl evakuiert. Ab 25. Dezember 1943 wurden täglich zwei Bronzestatuen verfrachtet. Der Transport war aufwendig, und für eine Fahrt benötigte man rund sechs Stunden. Am 20. Jänner 1944 war der Abtransport der überlebensgroßen Figuren beendet. Das Goldene Dachl erhielt eine 64 Zentimeter dicke Ziegelmauer als Absicherung gegen Bombenschäden. Als Splitterschutz erfüllte diese Maßnahme jedenfalls ihre Zwecke, wie zeitgenössische Aufnahmen beweisen: So erhielt das direkt angrenzende Gasthaus „Goldenes Dachl“ einen Volltreffer, ebenso das Winkler- und Kapfererhaus an der Ecke Herzog-Friedrich-Straße und Riesengasse. Das Goldene Dachl blieb hingegen unbeschädigt.

Weiße Kreise in einem schwarzen Rechteck, wie hier in der Erzherzog-Friedrich-Straße 17, erinnern noch heute an die öffentlichen Luftschutzräume während des Zweiten Weltkrieges.
Weiße Kreise in einem schwarzen Rechteck, wie hier in der Erzherzog-Friedrich-Straße 17, erinnern noch heute an die öffentlichen Luftschutzräume während des Zweiten Weltkrieges.

Luftschutzbauten für die Bevölkerung

Eiligst wurde im Jänner 1944 mit dem Bau der Luftschutzstollen begonnen. Aufgrund des Arbeitskräftemangels griff man hauptsächlich auf ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus dem Arbeitslager Reichenau zurück. In Windeseile trieb man Stollen nördlich und südlich der Stadt in die Felsen. Insgesamt errichtete man 21 Stollen, die heute großteils noch zu sehen sind. Einer der interessantesten dürfte jener im Bereich der sogenannten „Peterlongo-Kurve“ neben der Ferrari-Wiese sein, der eigens für die Gauleitung angelegt worden war. Aufgrund der enormen Dimensionen konnte dieser nicht mehr fertiggestellt werden. Ein Zeitzeuge erinnert sich noch an die Aufenthalte in den Luftschutzstollen: „Der Großteil der Menschen hat sich unterhalten, die wenigsten haben sich gefürchtet. Wenn der Alarm vorüber war und man wieder hinausgehen durfte, war man zuallererst einmal froh, wieder frische Luft atmen zu können, weil diese im Stollen schon sehr verbraucht war, die Luft ist ja da drinnen richtiggehend 'gestanden'. Im Stollen waren sehr schmale Gänge, teilweise mit Ziegeln ausgebaut, teilweise noch roh in die Felsen gehauen. Ich bin nie ganz nach hinten gegangen, weil mir dies zu unheimlich war und die Luft auch weiter hinten immer schlechter wurde. An der Stollentür stand eine Amtsperson, die darauf achten musste, dass niemand unerlaubt und frühzeitig den Stollen verlassen würde. Die Entwarnung wurde durch diese Amtsperson nach innen verlautbart.“

Für alle jene Personen, die sich bei einem Fliegeralarm unterwegs auf Straßen, Plätzen oder in Verkehrsmitteln befanden, wurden öffentliche Luftschutzräume eingerichtet, die mit einem besonderen Symbol gekennzeichnet waren: ein großer weißer Kreis in einem schwarzen Rechteck. Noch heute kann man beispielweise am Eckgebäude Erzherzog-Eugen-Straße 17 ein solches Mahnmal aus dieser Zeit entdecken.

Mehr zum Thema:
Michael Svehla
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Luftangriffe 1943–1945
Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, Neue Folge 67
Innsbruck: Universitätsverlag Wagner, 2018