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Opferschutzkommission präsentierte Abschlussbericht

Dunkles Kapitel der Stadt Innsbruck aufgearbeitet.
(RMS) Im Rahmen eines Pressegesprächs informierten Bürgermeisterin Mag.a Christine Oppitz-Plörer und Sozialreferent Vizebürgermeister Franz X. Gruber gemeinsam mit den Kommissionsmitgliedern am 8. Juni über die Ergebnisse der Opferschutzkommission. „Der Weg, den wir gegangen sind, war der Richtige. Es wurde ein dunkles Kapitel der Stadt Innsbruck aufgearbeitet“, stellte Bürgermeisterin Mag.a Christine Oppitz-Plörer fest.

Innsbruck setzte eigene Expertenkommission ein
Die Kommission war im Februar 2011 von der Stadt Innsbruck zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in städtischen Heimen eingesetzt worden. Der Dreier-Kommission gehören der an diesem Thema intensiv arbeitende Innsbrucker Historiker Univ. Doz. Dr. Horst Schreiber (Autor des Buches „Im Namen der Ordnung“ über die Geschichte der Heimerziehung in Tirol), der Experte im Zivil- und Schadenersatzrecht em. Univ.-Prof. Dr. Heinz Barta sowie die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutin Dr. Doris Preindl an.

Mit der Einrichtung einer eigenen Kommission ging Innsbruck österreichweit einen besonderen Weg. Die Aufsicht der Heime liegt nämlich nicht in der Zuständigkeit der Stadt Innsbruck, sondern des Landes Tirols als übergeordnete Behörde. „Die Stadt Innsbruck nimmt in besonderer Weise diese Verantwortung war“, so Bürgermeisterin Mag.a Christine Oppitz-Plörer. Es gehe darum, den Betroffenen von offizieller Seite her Verständnis entgegen zu bringen und, auch wenn die Fälle viele Jahrzehnte zurückliegen, jetzt die Opfer zu entschädigen. Mit Geld seien die Misshandlungen und ihre Folgen für die Opfer aber niemals aufzuwiegen, so die Bürgermeisterin.

Effiziente und zügige Abwicklung
„Die Kommission hat sehr effizient und umfassend gearbeitet“, bestätigte Sozialreferent Vizebürgermeister Gruber. Die Kommissionsmitglieder führten von 3. März an zwei Monate lang jeweils einstündige Gespräche mit 57 Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend Opfer psychischer, physischer und sexueller Gewalt in städtischen Einrichtungen wurden. Neben den persönlichen Gesprächen wurden von der Kommission auch die einzelnen Akten des Jugendamts ausgewertet. Eine betroffene Person fiel in den kirchlichen Bereich, ihr wurde dahingehend weiter geholfen.

Bereits am Vormittag des 8. Juni hatten die Mitglieder der Opferschutzkommission ihren Bericht im Stadtsenat zur Kenntnis gebracht. Der Gemeinderat wird in seiner nächsten Sitzung am 16. Juni – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – über die Abgeltungssumme in Höhe von insgesamt 850.000 Euro beschließen. Die Höhe der Abgeltung wurde von der Opferschutzkommission festgelegt. Im Einzelfall werden zwischen 5000 und 25.000 Euro entschädigt. Die Höhe der Abgeltungen wurde von der Opferschutzkommission festgelegt. Therapiemöglichkeiten werden, so sie von den Betroffenen gewünscht sind, ebenfalls gefördert. Am Tag nach dem Gemeinderat werden die Opfer von der Stadt Innsbruck eingeladen, dieser Akt erfolgt ebenfalls ohne Öffentlichkeit. Sollten sich noch weitere Opfer melden, so werden diese von der gleichen Opferschutzkommission behandelt werden.

Systemische und systematische Gewalt
Die Gespräche und die direkten Begegnungen der Kommission mit den Opfern brachten eine besondere Qualität der Vorgehensweise, die von den Betroffenen positiv gewertet wurde. Herausgestellt habe sich, so berichtete der Historiker Horst Schreiber, dass systemische und systematisierte Gewalt vorherrschte, die materielle und personelle Ausstattung der Einrichtungen schlecht war und die Kontrollorgane damals versagt hatten. „Juristisch sind die Fälle verjährt“, erklärte Dr. Heinz Barta. Die meisten Täter seien verstorben. Auch seien die Misshandlungsmethoden und ihre Folgen schwer materiell zu bewerten.

Obwohl die Taten Jahrzehntelang zurückliegen, leiden die Betroffenen bis heute. Die Kinder und Jugendlichen stammten großteils aus sozial sehr schwachen Familien. Untergebracht waren sie in den städtischen Einrichtungen Pechegarten, Mariahilfpark und Westendorf. Besonders schwerwiegend waren die Misshandlungen in Westendorf, damals eine Einrichtung für Buben im Alter zwischen zehn und 14 Jahren.

Dr. Doris Preindl schilderte, dass es den Kindern von frühester Kindheit an nicht möglich war, ein stabiles Ich und Weltbild zu entwickeln. In den Heimen wurden die sich daraus entwickelnden Symptome als asoziales Verhalten gewertet und geahndet. Den Kindern fehlten Zuwendung, Geborgenheit, Trost, Lob und Anerkennung, stattdessen gab es systematisierte Deklassierung und Demütigung.

Die Misshandlungen waren Bestrafungen für oft banale Vergehen wie Reden während des Essens. Demütigungen, Essensentzug, Essen von Erbrochenem, tagelanges Einsperren im Keller, Stehenlassen in der Kälte, Aufhetzen zur Gewalt der Kinder untereinander, sexuelle Übergriffe und ähnlich schlimme Erfahrungen wurden von den Opfern geschildert. Viele Betroffene konnten sich aber trotzdem im Leben einigermaßen stabilisieren. „Die therapeutische Arbeit ist eine große Chance. Es kann zur Genesung und Aktivierung von neuen Kräften für eine aktivere Lebensführung kommen“, so Preindl.
09. Juni 2011