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Mädchengruppe im Kindergarten Dreiheiligen, 1908.
Mädchengruppe im Kindergarten Dreiheiligen, 1908.

Kinder- und Säuglingsbewahranstalten im 19. Jahrhundert

Die Kinderbetreuung außer Haus entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts als spezieller Zweig der Armenversorgung in der typischen Mischung aus öffentlichen Interessen und privater Wohltätigkeit.

von Dr.in Sabine Pitscheider (Wissenschaftsbüro Innsbruck e. V.)

Schon in den 1830er Jahren finanzierte die Stadt Innsbruck eine „Kleinkinderwartanstalt“ in St. Nikolaus, die unter Leitung der Armendirektion stand und untertags nicht schulpflichtige Kinder armer berufstätiger Eltern beaufsichtigte, um sie von der Straße fernzuhalten. Der Ort war nicht zufällig gewählt, lebten doch in dem Stadtteil vor allem arme Menschen, die nicht von dem geringen Verdienst des Mannes alleine leben konnten, so dass auch die Frauen arbeiten mussten. Die Löhne beider reichten aber nicht aus, um eine private Betreuung zu bezahlen, so dass viele Kinder den ganzen Tag alleine und unversorgt verbrachten. 

„Sauber, satt und ruhig“

1834 rief der Landesgouverneur zur Bildung eines Frauenvereines auf, der die Wartanstalten übernehmen und gemeinsam mit der Stadt leiten und finanzieren sollte. Dem Gouverneur lag daran, „für die berufsmäßige Ausbildung und Erziehung der großen, oft ganz bloß gestellten, aber eben deshalb nicht immer ganz aus eigener Schuld gesunkenen Menge zu sorgen“. Ziel war es, „die Kinder schon in den frühesten Jahren dem Müßiggange und der Rohheit zu entziehen, sie für den Unterricht in der Schule vorzubereiten, und den Grund zur Sitte und Sittlichkeit zu legen“, zusammengefasst sie an „Reinlichkeit, Ordnung und Folgsamkeit“ zu gewöhnen und sie auf ein ehrsames Leben vorzubereiten. Der ersten Anstalt in St. Nikolaus folgten noch 1834 eine in Dreiheiligen und eine weitere im innerstädtischen Angerzell.
Die Wart- oder Bewahranstalten folgten keinem pädagogischen Konzept, sie sollten die Kinder nur sauber, satt und ruhig halten. Die dort tätigen Frauen trugen die Berufsbezeichnung Wärterin. Der Aufenthalt beruhige oft die die „ungestüme Gemüthsart vieler Kinder“, resümierte die Vereinsleitung schon nach einem Jahr, ihre „Kleider sind reinlicher, ihre Äußerungen nicht mehr so anstößig“.
Der Frauenverein, geleitet von Innsbrucker adeligen Frauen und unter Schirmherrschaft der Monarchie, unterhielt zugleich „Industrieschulen“ in St. Nikolaus und Dreiheiligen, die ausgeschulte mittellose Mädchen der „unteren Volksklassen“ in Hausarbeit und Handarbeiten unterrichteten, um sie auf ein Leben als Dienstbotinnen oder Ehefrauen vorzubereiten.

Unterschiedliche Ansätze

1870 öffnete in Kufstein gegen den erbitterten Widerstand des Klerus und der Lehrerschaft der erste Kindergarten nach dem Vorbild des deutschen Reformpädagogen Friedrich Fröbel. Dieser propagierte das kindliche Spiel, entwickelte eigene Spiel- sowie Lernmaterialien und wollte Kindergärten als Bildungseinrichtung etablieren. Die katholische Kirche sah darin „ein unchristliches und glaubensloses Institut“, verzichtete es doch auf das bloße Auswendiglernen religiöser Vorschriften und Gebete. 1872 folgte Innsbruck mit einem nach dem Kufsteiner Vorbild organisierten privaten Kindergarten und ein Jahr später richtete die Stadt Innsbruck selbst einen solchen in St. Nikolaus ein. Neben den Einrichtungen des Frauenvereins und der Stadt unterhielten katholische Vereine oder einzelne Pfarrämter eigene Kinderbetreuungen. 

Alltag in einer „Säuglingsbewahrungs-Anstalt“

Für Säuglinge und Babys gründete der Frauenverein 1898 mithilfe öffentlicher Zuschüsse und privater Spenden einen weiteren Verein, der die erste „Säuglingsbewahr-Anstalt“ Innsbrucks in Mariahilf errichtete. Die Krippe nahm nur Kinder „von armen, braven und arbeitsamen Eltern“ auf, worüber diese eine Bestätigung des Armereferenten vorzulegen hatten. Als Anstalt „der barmherzigen Liebe für die Kleinsten und Hilfslosesten“ versorgte die Krippe mit einer Hausmutter und Wärterinnen Kinder im Alter von 14 Tagen bis zu drei Jahren, „damit die Mutter der Arbeit und dem Verdienst nachgehen kann“. Die Krippe war den damaligen Arbeitszeiten folgend ganztags für 13 Stunden offen und bot drei Mahlzeiten täglich. Der Arbeitstag der Wärterinnen begann um sechs Uhr morgens, sie wuschen oder badeten die Kinder, zogen ihnen Anstaltskleidung an und gaben ihnen Frühstück. Die Kleineren legten sie in Betten, die größeren unterhielten sie mit Spielen. Auf Mittagessen und Ruhezeit folgten wieder Spiele, nach dem Abendessen verließen die letzten Kinder das Haus. Im Herbst 1903 gelang es dem Frauenverein mithilfe einer großzügigen Spende die Villa Peche in der Leopoldstraße 43 anzumieten und im November 1904 die zweite Innsbrucker Kinderkrippe zu eröffnen. Die Eltern der in der Krippe verpflegten Kinder gehörten zur wenig begüterten Innsbrucker Bevölkerung und waren tendenziell von Armut bedroht. Die Väter arbeiteten zumeist als Handwerker, Gesellen, Fabrikarbeiter, Taglöhner, Hausknechte oder bei der Eisenbahn, die Mütter vor allem als Näherinnen, Wäscherinnen oder Bedienerinnen.

Ab der Wende zum 20. Jahrhundert und vor allem mit Ende des Zweiten Weltkrieges verschwanden nach und nach die reinen Wartanstalten, es etablierten sich Kindergärten als selbstverständliche öffentliche Aufgabe.