Logo Innsbruck informiert
1187409668_0.jpg

Aberkennung der Sozialehrenzeichen

Ergebnisse des beauftragten Gutachtens: Aberkennung für M. Kerner und H. Pepeunig wird im Gemeinderat beantragt
Mit Beschluss des Stadtsenates vom 7. August 2012 wurde das Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck beauftragt, eine Studie über die Vorwürfe hinsichtlich Gewalt und Missbrauch durch mittlerweile verstorbene Sozialehrenzeichenträger der Stadt Innsbruck zu erstellen. Am 26. Juni präsentierte Bürgermeisterin Mag.a Christine Oppitz-Plörer gemeinsam mit den HistorikerInnen des Institutes für Zeitgeschichte – Ass.-Prof. Priv.-Doz. Mag. Dr. Dirk Rupnow,
Univ.-Doz. Mag. Dr. Horst Schreiber und Mag.a Dr. Sabine Pitscheider – sowie mit DDr. Lukas Morscher (Leiter des Stadtarchivs/Stadtmuseum) und Magistratsdirektor-Stellvertreter Dr. Herbert Köfler die Ergebnisse des Gutachtens im Rahmen eines Pressegespräches.

„Die Verleihung eines Sozialehrenzeichens ist eine politische Entscheidung des Gemeinderates“, erklärte Bürgermeisterin Oppitz-Plörer. „Genau aus diesem Grund trägt der Gemeinderat als Gremium auch den anderen Sozialehrenzeichen-TrägerInnen und vor allem den Opfern gegenüber eine große Verantwortung. In welchem Ausmaß dem damaligen Gemeinderat die Hintergründe der ausgezeichneten Personen bekannt waren, ist nicht vollständig beantwortbar, doch aus heutiger Sicht heraus sind die Sachverhalte eindeutig. Deshalb wird der Stadtsenat im Rahmen eines Antrages auf Ablehnung der Sozialehrenzeichen an den Gemeinderat am 11. Juli herantreten.“

Umfangreiche Recherche
Die Studie der HistorikerInnen des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck gliedert sich in den Kontext der aktuellen, jüngeren Forschung zur Geschichte der Heimerziehung in Österreich ein. Trotzdem standen im vorliegenden Fall – gemäß dem klar definierten Fokus des städtischen Auftrags – weniger die betroffenen Institutionen, sondern vor allem die Personen Magnus Kerner und Hermann Pepeunig im Mittelpunkt des Gutachtens. „Es war uns ausgesprochen wichtig, unsere Forschung eng an der nüchternen Aktenlage zu orientieren und keine Empfehlungen abzugeben“, so Mag. Dr. Rupnow.
Gekennzeichnet war die Arbeit von einer teilweise sehr schwierigen Aktenlage. Speziell vor dem Hintergrund des Schutzes von personenbezogenen Daten der Opfer war viel Material anonymisiert bzw. nicht zugänglich. „Gleichzeitig ist es uns aber gelungen, zahlreiche neue Quellen, die bislang unbekannt waren, in mehrmonatiger Recherche zu erheben“, beschreibt Rupnow den Prozess der wissenschaftlichen Arbeit. Hilfreich war in diesem Zusammenhang die außerordentlich engagierte Mithilfe der ehemaligen Dienstgeber, vor allem das Seraphische Liebeswerk und das Aufbauwerk der Jugend – beide waren sehr an einer konsequenten und lückenlosen Aufarbeitung interessiert, wie Rupnow betont.

Instanzen der Erniedrigung
Im Mittelpunkt der historischen Untersuchung standen Pater Magnus Kerner OFMCap. (erhielt das Sozialehrenzeichen der Stadt Innsbruck im Jahr 1982) und Hermann Pepeunig (1983).

Magnus Kerner wurde 1915 in Ulm an der Donau geboren. Nach dem Kriegsdienst setzte er 1945 sein Theologiestudium fort und erhielt 1946 die „ewige Profess“ im Innsbrucker Jesuitenkolleg Canisianum, wo er schließlich im selben Jahr zum Priester geweiht wurde.
Ab 1949 leitete er das Seraphische Liebeswerk und damit das Knabenheim St. Josef in Fügen, das in „Bubenburg“ umbenannt wurde. Diese leitete er mit Unterbrechungen bis zu seinem Tod im Jahr 1990. Aufgrund seines öffentlichen Engagements war Kerner in Kirche, Gesellschaft und Politik bestens vernetzt und erhielt in Folge eine Reihe von Ehrungen verschiedener Gebietskörperschaften, darunter im Juni 1982 das Sozialehrenzeichen der Stadt Innsbruck.

„Als Leiter der Bubenburg war Pater Magnus Kerner für langjährige Vertuschung von Gewalt und sexuellen Übergriffen durch Laienerzieher verantwortlich“, berichtet Mag. Dr. Horst Schreiber. „Er unterließ in den entsprechenden Fällen nicht nur Meldungen an das Jugendamt, sondern brachte die Fälle auch nicht zur Anzeige. Auffällig gewordene Mitarbeiter wurden zwar entlassen, teilweise aber mit hervorragenden Arbeitszeugnissen, wodurch diese in anderen Heimeinrichtungen ihre Tätigkeit fortsetzen konnten.“

Doch vor allem er selbst war als ausgesprochen gewalttätig bekannt: Er installierte in der Bubenburg ein System der Unterdrückung, der Gewalt und der permanenten Erniedrigung der Heimkinder und -Jugendlichen. Auch berichteten viele ehemalige Heiminsassen im Rahmen der Studie von zahlreichen sexuellen Übergriffen durch Kerner. „Er war eine Instanz der Erniedrigung und für die furchtbaren Zustände in der Bubenburg hauptverantwortlich“, so Schreiber.

Überzeugter Nationalsozialist
Hermann Pepeunig wurde 1911 im südsteiermärkischen Pettau geboren und kam 1919 nach Innsbruck. Schon 1932 trat er der NSDAP bei. In weiterer Folge war er Mitglied der SA, später der SS und engagierte sich besonders im Rahmen der Hitlerjugend. 1938 bewarb sich Peteunig beim Reichsarbeitsdienst, der vor allem der vormilitärischen Ausbildung junger Männer und später als Rekrutierungsreserve der Waffen-SS diente. Ab 1940 führte er als HJ-Bannführer den HJ-Bann Kufstein, ab 1941 zusätzlich den HJ-Bann Innsbruck.

Seinen fanatischen Glauben an den Nationalsozialismus unterstrich Pepeunig, als er noch am 1. Mai 1945 bei Scharnitz den anrückenden Verbänden der Amerikaner mit einer Schar Hitlerjungen entgegentrat – die Zahl der dabei getöteten Hitlerjungen lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit bestimmen.
„Es ist nach unserer umfangreichen Recherche absolut klar, dass es sich bei Hermann Pepeunig um einen zutiefst vom Nationalsozialismus überzeugten Mann gehandelt hat“, so Mag.a Dr. Sabine Pitscheider.
1945 wurde Pepeunig durch die alliierten Besatzungstruppen verhaftet. Er wurde zum kasernierten Arbeitseinsatz eingeteilt und musste dabei Zwangsdienst im Sinne des Wiederaufbaues leisten. Angesichts der Massen an Ermittlungsverfahren mussten sich die Behörden allerdings auf „höhere“ NS-TäterInnen konzentrieren und das Verfahren gegen Pepeunig wurde ausgesetzt.
Ab 1950 war Pepeunig Angestellter des Landesjugendreferates, das er zunächst ehrenamtlich unterstützt hatte. Ab 1953 war er der erste Geschäftsführer des neu gegründeten Vereines Aufbauwerk der Jugend. Auch seine Einstellung in Erziehungsfragen war durchaus von Gewalt geprägt – zwei entsprechende Verurteilungen wegen (schwerer) Körperverletzung gegenüber Jugendlichen in den 1950er bzw. 1960er Jahren belegen dies deutlich.

Auch Pepeunig war eine bekannte, von offiziellen Stellen geschätzte und bestens vernetzte Person, die trotz ihrer einschlägigen NS-Vergangenheit zahlreiche Ehrungen verschiedener Gebiestkörperschaften erhielt – 1983 das Sozialehrenzeichen der Stadt Innsbruck. Nach seiner Pensionierung vom Landesdienst 1976 amtierte Pepeunig bis 1985 weiter als Geschäftsführer des Aufbauwerkes der Jugend. Er starb 1990.

Hintergrund des Gutachtens
Vor dem Hintergrund ihrer Tätigkeit in Erziehungseinrichtungen (Seraphisches Liebeswerk bzw. Aufbauwerk der Jugend) wurden in jüngerer Vergangenheit gegen Kerner schwere Vorwürfe hinsichtlich Gewalt und (sexuellen) Missbrauchs bzw. gegen Pepeunig wegen Verstrickungen in den Nationalsozialismus erhoben.
Ursprünglich war im Innsbrucker Stadtrecht der Widerruf von Ehrungen, wie eben des Sozialehrenzeichens, nicht rechtlich verankert. Erst eine entsprechende Novelle des Stadtrechtes vom 14. Dezember 2011 machte dies möglich – in § 4 Abs. 10 ist nun inhaltlich festgelegt, dass der Gemeinderat der Stadt Innsbruck eine Ehrung widerrufen kann, wenn später Tatsachen bekannt werden, die ihrer Verleihung entgegengestanden wären bzw. der/die Geehrte nachträglich ein Verhalten setzt, das der Verleihung entgegenstünde.

„Es ist uns vollkommen klar, dass eine Aberkennung keine Tilgung der Geschehnisse und auch nicht der ursprünglichen Verleihung sein kann“, so Oppitz-Plörer. „Diese bleibt als historischer Fehler bestehen und muss als solcher von uns anerkannt werden. Nun gilt es, unser Bewusstsein für diese Problematik zu schärfen und unsere Verantwortung als Gemeinderat wahrzunehmen – vor allem gegenüber den Opfern.“

Sozialehrenzeichen
Das Sozialehrenzeichen der Stadt Innsbruck wird an natürliche oder juristische Personen verliehen, die sich auf dem Gebiet der Sozialarbeit besondere Verdienste erworben haben (§ 4 Abs. 6 des Innsbrucker Stadtrechtes)
27. Juni 2013